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Der Hals der Giraffe

Le cou de la girafe. F/B 2003. R,B: Safy Nebbou. B: Danièle Thompson, Agnès Yobregat. K: Roman Winding. S: Bernard Sasia. M: Pascal Gaigne. P: Telema, France 2 Cinéma, saga Film, Move Movie. D: Sandrine Bonnaire, Claude Rich, Louisa Pili, Darry Cowl u.a.
84 Min. Schwarz-Weiß Filmverleih ab 17.8.06

Die verlorene Zeit

Von Franziska Heller Die neunjährige Mathilde initiiert die Reise. Sie beschreibt detailgenau mit ihren Worten, die sie fleißig in ihr Diktiergerät spricht, den Weg, den sie und ihre Mutter Hélène zurücklegen, um ihren Großvater und Vater im Altenheim zu besuchen. Sie wollen mit ihm seinen Geburtstag feiern. Doch der alte Paul Le Gac kann in der in kaltes Blau getauchten Umgebung einem solchen Anlaß nur Zynismus abgewinnen: Warum Geburtstag feiern, wenn man sowieso zum Sterben hierher geparkt worden ist? Fast gebetsmühlenartig versucht seine Tochter Hélène, ihm das Heim als »sympathisch« zu verkaufen. Mathilde zeigt sich unbeeindruckt von der großväterlichen Verbitterung und kommentiert unbeschönigt sein ruppiges Benehmen. Ähnlich unverblümt verhält sich Mathilde wieder daheim im Streit mit ihrer alleinerziehenden Mutter. In der räumlichen Entfernung wird an diesem Abend die Familie filmisch aufeinander bezogen, indem sich spiegelbildlich die Situationen beim Großvater und bei Mutter und Tochter aneinander in der Montage anschließen – bis schließlich die Distanz doch wieder von Mathilde überwunden wird. Sie rennt von zu Hause weg und steht plötzlich am Bett ihres Großvaters. Mit ihrer Unternehmung führt sie nicht nur räumlich und emotional die kommunikationsarme Familie zusammen, sondern läßt auch verschiedene Zeitebenen in Form von Erinnerungen zusammenlaufen. Sie zwingt ihren Großvater, sich aus seiner zynischen Lethargie zu lösen und auf die Suche nach »Madeleine« zu begeben – nicht zuletzt dieser sprechende Name läßt Assoziationen zu Proust aufkommen. Denn die Reise von Großvater und Enkelin, verfolgt von der Mutter, ist ein Weg in die Vergangenheit, die ungeahnte emotionale Folgen für die Gegenwart bedeuten.

Doch diese Empfindungen werden gänzlich unmelodramatisch erzählt. Erst Stück für Stück erfährt man die wahren Ereignisse um Madeleine und wie sich die damaligen Überwürfnisse bis in das heutige Familienleben auswirken. Oft ist es Mathilde, die ihren Großvater mit ihrer unkonventionellen Art dazu bringt, ausgerechnet vor fremden Menschen seine Geschichte zu erzählen und ihn so aus seinem selbstmitleidigen Zustand zu reißen. Dies bietet den Rahmen für die dezente Vermittlung der tiefgehenden Gefühlslagen, die sich über ruhige Bilder mit oft langen Kamerafahrten und über schön komponierte Ansichten transportieren. Die Auseinandersetzung mit vergangenen Fehlern und Lügen nagt nicht nur im Inneren von Hélène und Paul, sondern überträgt sich wie in einem Zerrspiegel auf das Verhältnis zueinander. Das Hadern mit der Unumkehrbarkeit von Mißverständnissen, die Gnadenlosigkeit der Zeit wird in Momenten immer neuer Entdeckungen richtiggehend spürbar. Paul Le Gacs momentane Geißel, das Alter und das Altenheim, aus dem er flüchtet, geben aber neben all der Hilflosigkeit gegenüber der Zeit dennoch dem Film den Anlaß, einen liebevollen Blick auf die kleinen Momente der Freude zu werfen. In dieser Hinsicht ist es eine besonders anrührende Sequenz, wenn Pauls Flucht aus dem Altenheim den anderen Heimbewohnern unter der Anleitung des Ex-Polizisten Léo die Möglichkeit bietet, sich zu organisieren und generalstabsmäßig Pauls Verschwinden vor dem Pflegepersonal geheim zu halten. Dies eröffnet den Raum für jugendliche Unbefangenheit bis hin zu einer kurzen zärtlichen Annäherung, die in wenigen Einstellungen das tief empfundene Glücksgefühl von Léo und »seinem Mädchen« vermittelt und die Zeit vergessen macht.

Hélène und Mathilde setzen die Reise fort, während Paul wieder nach Paris zurückkehrt. Wieder bleibt er über analoge Situationen und Anschlüsse filmisch bei seiner Tochter und Enkelin präsent, auch wenn die beiden sich zunehmend emanzipieren: Im Gegensatz zu Paul, der nicht mehr ins Altenheim, sondern in seine Wohnung zurückgeht und sich somit unabhängig von seinem Alter erklärt, akzeptieren Hélène und Mathilde, als sie Madeleine endlich gefunden haben, deren Alter und die Folgen. Genauso wie sie nicht mehr nach der verlorenen Zeit suchen, wird auch der Zuschauer der Zeit für diesen Film nicht wirklich nachtrauern. Das einzig Traurige ist, daß es viel zu wenige Filme wie diesen gibt, die kein monumentales Sujet brauchen, um einfach wunderschön erzählt zu sein. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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