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Half Moon

Niwemang. IR/IRQ/A/F 2006. R,B: Bahman Ghobadi. K: Nigel Bluck, Crighton Bone. S: Haydeh Safi-Yari. M: Hossein Alizadeh. P: Mij Film Co., New Crowned Hope u.a. D: Kambiz Arshi, Ismail Ghaffari, Allah-Morad Rashtian, Hedieh Tehrani u.a.
109 Min. Pandora ab 9.8.07

Durchs wilde Kurdistan

Von Carsten Tritt Wenn Filme aus Ländern ohne bekannte Filmindustrie in die Programmkinos kommen, begleitet sie gerne ein Hauch des Ethnokitsches und Eine-Welt-Kinos, insbesondere wenn sie wie Half Moon auch noch in weiträumigen, fremden Landschaften spielen, mit völlig anderen Gesellschaftsstrukturen, und dann noch kurdische Volksmusiker zum Gegenstand haben. Bahman Ghobadi, der bekannteste kurdische Filmemacher, und seine Filme sind jedoch bar dieses Grundverdachtes. In Half Moon sind alle Bestandteile des Ethnofilms enthalten – und doch schafft es Ghobadi, seine Figuren sofort zu Vertrauten des Zuschauers zu machen, unabhängig davon, ob es sich um ein iranisch-kurdisches oder mitteleuropäisches Publikum handelt. Das ist dann nicht kulturelle Beliebigkeit, vielmehr gelingt es Ghobadi und seinem Team – insbesondere mit einer intelligenten Kameraarbeit und einem äußerst präzisen Schnitt – das, was als Alltäglichkeit, Besonderheit oder Absurdität gemeint ist, auf den ersten Blick als solches erfahrbar zu machen. Der Film handelt von einem alten iranisch-kurdischen Musiker, der mit seinen zahlreichen, ebenfalls nicht mehr jungen Söhnen aufbricht, um ein Konzert im Nordirak zu geben. Schon die Eingangssequenz, in welcher einer der Protagonisten während eines Hahnenkampfes von der Genehmigung der Reise erfährt, ist ein cineastischer Genuß: Der Kampf mit den tobenden Zuschauern wird durch Zwischenschnitte auf den herbeieilenden Jungen mit Mobiltelefon verknüpft. Kurz darauf dann die kämpfenden Hähne in absoluter Stille, das Publikum muß ruhig sein, damit der Kampfleiter das wichtige Handygespräch führen kann. Auch später bietet das Roadmovie großartige Momente, etwa die Darstellung einer abstrusen Stadt, in der, weil Frauen nicht öffentlich singen dürfen, sämtliche weiblichen Sänger im Exil gehalten werden und aus der der Musiker seine Begleiterin herausführen muß.

Am Ende verfranst sich die Geschichte leider etwas, und auch das hohe inszenatorische Niveau kann in den letzten Filmminuten nicht ganz gehalten werden – was vor allem an den schwierigen Produktionsbedingungen gelegen haben dürfte. Somit ist Half Moon doch nicht Ghobadis bester Film geworden, großartige Filmkunst ist es dennoch allemal. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #47.
© 2012, Schnitt Online

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