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Hable con ella – Sprich mit ihr

Hable con ella. E 2002. R,B: Pedro Almodóvar. K: Javier Aguirresarobe. S: José Salcedo. M: Alberto Iglesias. P: El Deseo. D: Javier Cámara, Darío Grandinetti, Rosario Flores, Leonor Watling, Geraldine Chaplin u.a.
116 Min. Tobis ab 8.8.02

Lautes Schweigen

Von Sascha Seiler Pedro Almodóvar betreibt in Hable con ella vor allen Dingen eins: Reduktion. Zumindest für seine Verhältnisse. Denn wenig ist geblieben von jenen schrillen Figuren, die viele seiner früheren Filme bevölkerten; vielmehr konzentriert er sich mehr denn je auf die Entfaltung seiner Geschichte, die wie ein Puzzlespiel funktioniert, in welchem Verbindungen vom Zuschauer langsam hergestellt werden müssen, bis ein Gesamteindruck entsteht, vor dem sich die fast tragikomische Handlung zu entwickeln vermag.

Die Theaterreferenzen sind hierbei unübersehbar, denn der spanische Regisseur versucht stets, seine Protagonisten als Figuren in einem Schicksalsspiel agieren zu lassen, ohne allerdings, und das ist die postmoderne Komponente, sich unter ihnen auf einen aristotelischen tragischen Helden festzulegen. Und so rätselt der Zuschauer auf der Suche nach dem Helden: Ist es der sanfte Pfleger Benigno, dessen Kampf gegen das Schicksal nur zu jenem tragischen Ende führen kann, das der Film für ihn vorbereitet hat? Sein dramatischer Untergang ist gleichsam der Sieg seines Freundes, wie die Schlußeinstellung uns glauben lassen möchte. Aber vielleicht doch nicht?

Die inszenierten Frauen sind in diesem Film leblos, weil sie im Koma liegen, aber doch lebendig, weil der Regisseur sie trotz ihres Schweigens versteht, in Szene zu setzen. Daß die Männer das Schweigen ihrer Frauen ertragen müssen, diesen Schwebezustand zwischen Leben und Tod, ist die wahre Herausforderung an die Figuren des Films, und die Gefühle entwickeln sich von den scheidenden Frauen weg hin zu gegenseitiger Anziehung.

Daß Hable con ella ein Liebesfilm ist, der von Liebe zwischen Männern handelt, die niemals ausgelebt werden kann, ist eine Lesart. Daß er auch von der Unmöglichkeit der Kommunikation zwischen den Geschlechtern, dem Pathos des nie ausgesprochenen und einem Leben mit der Schande des Unerledigten handelt, eine weitere. Denn eine Flucht in den Tod gibt es bei Hable con ella nicht, vielmehr wird man Zeuge eines ewigen Wartens auf Erlösung oder Verdammnis. Die eigentlichen Komatösen sind hier die Wachenden, denn die schlafenden Frauen müssen nur erwachen und sind somit die tatsächlich Handlungsfähigen.

Almodóvar thematisiert die untrennbare Verbindung zwischen Eros und Thanatos in selten gesehener, tragikomischer Konsequenz und reduziert die Geschichte, abgesehen von einer postmodernen kinematographischen Reflektion über die Absurdität des Erotischen im Film, auf das nötigste. Denn wenn das Puzzlespiel vom Regisseur selbst gelöst ist, vermag es der Film, seinen Figuren den Raum zu geben, ihre Gefühle auf der Leinwand zu entwickeln. 1970-01-01 01:00

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