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Haben (oder nicht haben)

En avoir (ou pas). F 1995. R,B: Laetitia Masson. K: Caroline Champetier. S: Yann Dedet. D: Sandrine Kiberlain, Aranaud Giovaninetti, Roschdy Zem, Claire Denis u.a.
90 Min. Ventura ab 9.1.97
Von Daniel Hermsdorf Einen Job haben – oder nicht. Alice (Sandrine Kiberlaine) verliert ihren boulot bei den Fischkonserven, so wie die anderen, die wir zu Beginn von Lætitia Massons Film in kurzen Bewerbungsgesprächen sehen. Für sie alle beginnt die Tretmühle der chômage, das Stiefellecken, das gezwungene Lächeln und der feige Trost der Arbeitgeber, die sich melden werden – oder nicht.

Alices letzter Torwächter zum bezahlten Zeitvertreib – und auch er weist ihr die Pforte der Erwerbslosigkeit – ist ein beschlipster Melancholiker, der sie, ihrem heimlichen Berufswunsch gemäß, singen läßt, mit ihr schläft, seine Sehnsucht letztlich aber nur in ein Bündel Geldscheine zu übersetzen weiß.

Einmal im Abschied geübt, verläßt Alice ihren Freund und Boulogne-sur-Mer. Lyon heißt das neue Leben; das Hotel Idéal ist ihr erstes Quartier. Das Personal: gestrandete Vertreter an der Bar, der Portier Joseph (Roschdy Zem) und sein trübseliger Bruder Bruno (Arnaud Giovaninetti), Kinder von Einwandern. »La vie est belle«, versucht Joseph Bruno bei Fast Food und Fernsehboxkampf zu vermitteln. Wie das in ihrer Muttersprache heiße, fragt Bruno. Joseph: »Gelobt sei Allah!« Die Putzfrau steht früh auf und hofft auf die nächste Revolution.

Lætitia Massons Erstling fügt sich aus unangestrengten Schicksalsskizzen zusammen, Momentaufnahmen aus der Wartehalle des Lebens: Alice in der Arbeitswelt, Alice auf der Flucht, Alice beim süßen Apéritif an einem bitteren Abend. Beim Frühstück wälzt sie Annoncen, und hinter jeder Job-Offerte könnte eine ganz andere Geschichte warten – oder nicht.

An dem arbeitslosen Bauarbeiter Bruno läuft Alice oft genug vorbei, doch hin und wieder ist der Zufall hartnäckig genug, zwei Geschicke miteinander zu verbinden. Ein himmlischer Augenblick, möglicherweise.

Haben (oder nicht haben) beginnt mit einem Ende und endet mit einem Anfang, und wir verlassen Alice, im Gedächtnis zwei oder drei Dinge, die wir von ihr wissen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #05.
© 2012, Schnitt Online

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