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Die große Verführung

Grande Seduction. CDN 2003. R: Jean-Francois Pouliot. B: Ken Scott. K: Allen Smith. S: Dominique Fortin. M: Jean-Marie Benoit. P: Roger Frappier, Luc Vandal. D: David Boutin, Raymond Bouchard, Pierre Colin, Lucie Laurier u.a.
110 Min. Max Films ab 2.12.04

Schildbürger am Meer

Von Melanie Balz Saint-Marie-La-Mauderne liegt irgendwo im Nichts am Ende der Welt. Die Hektik und der Streß der Großstadt sind hier ebenso Fremdwörter wie Luxus und Fortschritt. Eine Idylle? Der Schein trügt. Ursprünglich versorgte das Meer die 125 Dorfbewohner, die von der Fischerei glücklich und zufrieden lebten; doch nun sind die Fischgründe geschröpft und die Bewohner erwarten sehnsüchtig den monatlichen Sozialhilfescheck, der jetzt ihre Lebensgrundlage ist. Diejenigen, die Arbeit auf dem Festland bekommen können, gehen weg. Helfen kann einzig der geplante Bau einer Gummifabrik. Die Sache hat aber einen Haken; die Firmenleitung fordert die Sicherstellung der medizinischen Grundversorgung des Dorfes. Die Folge daraus: Ein Arzt muß her. Wer aber will freiwillig sein angenehmes Leben aufgeben, um in die Einöde zu ziehen? Niemand!

Dr. Christopher Lewis gerät durch Zufall in die »Fänge« des Dorfes und soll zunächst nur für einen Monat bleiben; es scheint ihm aber zunehmend dort zu gefallen. Daß der Fisch anbeißt ist keine Kunst. Aber danach muß man ihn überzeugen, daß der beste Platz auf Erden im Boot ist. Dann muß man den Fisch dazu bringen, von selbst ins Boot zu springen. Germain, der findige Bürgermeister des Dorfes, setzt alles und alle in Bewegung, um Dr. Christopher Lewis zum Bleiben zu bewegen. Dabei legen die Bewohner ungewöhnliche, mehr oder weniger zulässige Vorgehensweisen an den Tag. Sie spionieren den Arzt aus, hören sein Telefon ab und stricken dann ihr eigenes Leben so um, daß es diesem gefällt. Immer flexibel sein ist die Devise.

Da ist es wieder, das Thema Arbeitslosigkeit; hier allerdings mal ein wenig anders aufbereitet, als wir es normalerweise aus den täglichen Medien kennen. Die große Verführung ist ein charmant humoriger Film aus Québec, der zum Teil trotz seiner französisch-kanadischen Abstammung in seinem Witz fast britische Einfärbungen hat, der aus der Tragik der tristen Situation resultiert. Der Film befaßt sich aber nur am Rande mit den gesellschaftlich-sozialen Problemthemen wie dem Fehlen von Arbeitsplätzen und der damit verbundenen Landfluch und dem daraus resultierenden Verlust der eigenen Achtung und Würde von Menschen, die unverschuldet im sozialen Netz hängenbleiben. Denn obwohl dieser Stoff als Aufhänger dient, kann man den Film nicht als wirklich tiefgehend sozialkritisch bezeichnen; dafür bleibt er zu sehr an der Oberfläche und beschäftigt sich eher mit den schildbürgerartigen Methoden der Bevölkerung, ihr höheres Ziel zu erreichen. Der Schluß ist dann sehr vorhersehbar. Ein Kinoabend der leichteren Art also. 1970-01-01 01:00
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