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Das große Rennen von Belleville

Les Triplettes de Belleville. F/CDN/B 2002. R,B: Sylvain Chomet. S: Dominique Brune, Chantal Colibert Brunner, Dominique Lefever. M: Benoît Charest. P: Les Armateurs, National Lottery, Vivi Film u.a.
80 Min. Concorde-Film ab 8.4.04

Jenseits der Süßlichkeit

Von Frank Brenner Mit seinem Kurzfilm The Old Lady and the Pigeon errang der diplomierte Comicstrip-Zeichner Sylvain Chomet 1997 internationalen Ruhm und erntete mehrere Preise, u.a. den Cartoon d'Or und den British Film Academy Award. Seit Anfang der 90er Jahre arbeitet der gebürtige Franzose in Kanada, wo er auch zusammen mit seinem Partner Nicolas de Crécy einige erfolgreiche Comicbücher (»The Bridge in Mud«) veröffentlichte. Sein erster abendfüllender Animationsfilm Das große Rennen von Belleville lief als einer der wenigen Filme dieses Genres im offiziellen Programm der Filmfestspiele von Cannes 2003. Welch ein Glück, daß man nun auch hierzulande in den Genuß dieses originellen und liebenswert-schrägen Filmes kommt.

Champion lebt mit seinem Hund bei seiner Großmutter, findet aber keinen großen Gefallen am Leben, bis ihm seine Oma ein Fahrrad schenkt und damit sein langgehegter Traum in Erfüllung geht. Madame Souza, die Oma, baut ihren Enkel systematisch zum Radprofi auf, bis er schließlich sogar bei der Tour de France mitfahren darf. Doch gerade dann wird er von zwielichtigen Gestalten entführt, die ihn über den großen Teich in die Konsummetropole Belleville bringen, wo er zum Vergnügen wettsüchtiger französischer Mafiosi zusammen mit zwei weiteren gekidnappten Rennfahrern Schaurennen fahren muß. Doch Madame Souza und Hund Bruno sind den Unholden schon auf der Spur und bilden mit den abgehalfterten Music-Hall-Stars Triplettes ein nicht zu unterschätzendes Quintett.

Genauso skurril wie diese kurze Inhaltsbeschreibung ist der gesamte Film. Weit entfernt von der Süßlichkeit vieler Zeichentrickfilme findet Chomet Gefallen an schwarzhumorigen Gags, häßlich-eigenwilligen Figuren und einem lebhaft-frischen Animationsstil. Ein Großteil der zweidimensionalen Zeichnungen orientiert sich an klassischen Vorbildern wie den frühesten Disney-Cartoons, Tex Avery, Bruno Bozzetto, Al Hirshfeld und sogar ein wenig Loriot. Daneben gibt es modernste dreidimensionale Effekte, wie zum Beispiel bei der Ausgestaltung des Wassers und regelrecht fotorealistischen Explosionen. Beim Storyaufbau, dem Witz und Tempo zitiert Chomet Jacques Tati, für den offensichtlich auch die Triplettes eine Vorliebe haben, schauen sie sich dessen Filme doch im Fernsehen an und haben ihre bescheidene Behausung mit einem seiner Filmplakate geschmückt.

Überhaupt legt der Regisseur großen Wert auf Detailreichtum, so wird z.B. das Hitzeflimmern bei der Bergroute der Tour de France nicht vergessen und auch sonst jede Figur (einschließlich des Hundes Bruno) mit einer Unmenge an minimalsten Charaktereigenschaften, Ticks und Mätzchen ausgestattet, die diese plastischer werden lassen als so manche Holzschnitt-Gestalt aus einschlägigen Realfilmen. Um so erstaunlicher, daß der knapp anderthalbstündige Film nahezu völlig ohne Dialoge auskommt – bei der Kurzweiligkeit dieses Films eindeutig ein Indiz für eine fesselnde Story und eine überaus gelungene Figurenzeichnung. Nun bleibt einem nichts anderes übrig, als sich auf das nächste Projekt des genialen Sylvain Chomets zu freuen. 1970-01-01 01:00
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