— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die große Depression

D 2005. R,B: Konstantin Faigle. K: Hajo Schomerus. S: Dora Vajda. D: Konstantin Faigle, Alice Schwarzer, Walter Jens, Jürgen Leinemann u.a. P: Unafilm. timebandits
92 Min. ab 1.9.05

Heulen auf hohem Niveau

Von Melanie Balz Wir sind Papst! Nächstes Jahr sind wir hoffentlich wieder Weltmeister. Und nun sollen wir auch noch depressiv sein? Und das, wo doch alles bald wieder gut sein wird. Das hat uns Angie ja schließlich versprochen.

Ob Deutschland wirklich einer Massendepression anheim gefallen ist, versuchte Konstantin Faigle in seinem zweiten Lang-Dokumentarfilm zu klären. Und er weiß, wonach er sucht, denn nicht zuletzt war er nach eigenen Aussagen selbst bereits als Kind depressiv, hypochondrisch veranlagt und eßgestört wegen des Genusses von zu viel Goethe und Hesse. Als seine Freundin Amparo ihm mitteilt, daß er Vater wird, sieht er die Zeit für gekommen, sich auf die Suche nach einer Antwort zu machen.

Als erstes versucht er, sich mal ein Bild über die Deutschen zu machen. So erfährt er, daß wir im Ausland ein humorloses und arrogantes Bild abgeben. Den Grund dafür sucht er bei Prof. Dr. Holsboer vom Münchner Max-Planck-Institut zunächst in den Genen. Fazit ist, daß sich die Volksdepression am besten damit in den Griff bekommen ließe, würden vermehrt Ehen zwischen Deutschen und Indern aus der Stadt Kerala geschlossen – dort leben die glücklichsten Menschen der Welt – und das schwermütige Erbgut mit Leichtfüßigkeit gepaart.

Alice Schwarzer hingegen sieht den Ursprung allen Übels natürlich in den gängigen Rollenstrukturen zwischen den Geschlechtern. Vielleicht ist es aber auch so, daß wir einfach nur alles schlimmer sehen als es ist und somit gar nicht depressiv im klinischen Sinne sind, sondern vielmehr einfach nur gartenzwergversessene Heulsusen. Heulen auf hohem Niveau ist jedenfalls angesagt und das offensichtlich auch zu recht, denn wie soll man als Neugeborenes mit dem Erbe fertig werden, das für jedes von ihnen 16.500 Euro Schulden bedeutet? Oder haben wir den Glauben an Gott verloren und fühlen uns deshalb haltlos, entwurzelt und müssen ohne Unterlaß jammern? Die Lösung könnte ein neuer König für Deutschland sein.

Die Filmidee, den Deutschen mal einen Spiegel vorzuhalten, ist an sich gut, um sie von ihrem Wimmertrip zu erlösen. Die Umsetztung des Films erfolgte in einer Art von Bowling for Columbine-Interviewstil. Allerdings wirkt er wie eine unspöttische Satire. Einerseits sind die Interviewpartner ernstzunehmende Wissenschaftler, andererseits stellen sie meist seltsam anmutende Theorien auf; zu sehr wird er von den persönlichen Problemen des Regisseurs dominiert. Der Film wirkt dadurch banal, sowohl von der inhaltlichen Seite her, wie auch bezüglich seiner Umsetzung. Trotzdem kann viel gelacht werden, denn schließlich jammert keine Nation außer den Finnen und den Österreichern lieber als wir, und das ist, komprimiert dargestellt, irgendwie amüsant. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap