— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Grenzverkehr

D 2005. R,B: Stefan Betz. K: Alexander Fischerkoesen. S: Manuela Kempf. M: Joe Mubare, Manuel Lopez. P: d.i.e.film. D: Andreas Buntscheck, Joseph M'Barek, Ferdinand Schmidt-Modrow, Henriette Richter-Röhl u.a.
90 Min. Movienet ab 18.8.05

Alle Idyllen fallen lassen

Von Daniel Bickermann Deutschen Genrefilmen gesteht man ja immer eine besonders schonende Behandlung zu. Als wollte man sagen: »Immerhin, schön, daß es sowas überhaupt mal gibt.« Nicht immer ist diese vorab-Sympathie gerechtfertigt, und in den ersten Einstellungen von Stefan Betz Debutfilm, der Teenagerkomödie Grenzverkehr, machen sich die schlimmsten Befürchtungen breit. Die Beerdigung eines Jugendlichen wird da gezeigt, sein bester Kumpel steht über dem Grab, unfähig zu weinen – dafür singt er plötzlich, ein echter Schock, das eingespielte Schnulzlied mit.

Von da an kann es eigentlich nur noch besser werden – und das wird es. Langsam und schonungslos führt uns Betz seine Heimat vor, das bayerische Hinterland. Was anfangs wie Surrealismus daherkommt, die milkagrünen Wiesen, der stechend blauweiße Himmel, die Ortsjugend, die Zeit und Gehirnzellen mit ritualisierten Spielchen vor dem Dorfbrunnen totschlägt, ist in Wirklichkeit bitter pointierter Realismus: Mancher Großstädter wird angesichts des hier gezeigten Landlebens ungläubig mit dem Kopf schütteln; aber jeder Provinzler wird spätestens beim Anblick der Dorfdisco diesen stechenden Schmerz der Wiedererkenntnis spüren.

Mit diesem schonungslosen Setting gewinnen der Film und endlich auch seine anfangs zweidimensionalen Figuren an Leben. Nur aus dieser Idyllenhölle heraus, wo jeder Jugendliche die Ansprache seiner Mutter auswendig aufsagen kann, macht die Idee dreier eigentlich braver Außenseiterjungs, mit Mopeds nach Tschechien zu tuckern und dort ihre Jungfräulichkeit in den berüchtigten Grenzbordellen zu verlieren, ansatzweise Sinn. Was folgt, sind einige erstaunlich zivilisierte und differenzierte Geschlechterscherze, dankenswert weitab von Klischees und Jugendsex-Zoten. Daß der situative Peinlichkeitsfaktor auch ohne Fäkalhumor trotzdem soweit steigt, daß man dies zu einem Teenagerfilm erklären muß, zeigt nur, daß der Regisseur sein Zielpublikum kennt, annimmt und auch zu unterhalten weiß: Es geht doch nichts über das triumphale Gefühl, mit 16 Jahren nach einem vermeintlichen Badewochenende am Baggersee ohne Mopeds zurückzukommen, dafür mit einem rauchenden Bus zuhause vorzufahren, abgerissene Klamotten am Leib und eine hochschwangere Ukrainerin an Bord… und dann das ganze der besorgten Mama erklären zu müssen.

Überhaupt zeichnet sich der Film durch all die Fehler aus, die er eben nicht macht, die er in letzter Sekunde umgeht. Dabei hilft maßgeblich der im besten Sinne dezente Schnitt von Manuela Kempf, die nicht nur konsequent um alle lauernden Peinlichkeiten herummontiert und dadurch ihre Figuren nie der Lächerlichkeit preisgibt, sondern die auch durch überraschende Abblenden ein erstaunliches Gespür für das Timing von Pointen beweist. Und manchmal, in den ruhigen Passagen, da der Film das Genre auch mal völlig hinter sich läßt, finden sich wahrlich große Bilder: Wenn der faltige Mopedverkäufer in einem stillen Moment träumend auf dem klapprigen Zweirad seiner Jugend sitzt oder die beiden tschechischen Zuhälter minutelang und mit mäßigem Erfolg (ausgerechnet!) Memory spielen, dann muß man fast schon von »Stimmungstableaus« reden.

Gestützt wird das Ganze zudem von durchweg soliden Darstellerleistungen, wobei vor allem Ferdinand Schmidt-Modrow als verkopfter, aber durchaus unterhaltsamer Streber angenehm auffällt, auch Henriette Richter-Röhl als schnippische Immigrantin weiß zu überzeugen. Vor allem aber mit den Auftritten der wunderbaren Saskia Vester kriegt der Film letztlich sogar so etwas wie eine (gute) Seele, als überfürsorgliche Mutter sprengt sie alle Eltern-Klischees – man hätte ihr mehr screen time gewünscht.

Coming-of-age-Geschichten wurden im letzten Jahrzehnt ja vielfach erzählt, am brillantesten wohl in Lukas Moodyssons Fucking Åmål und Cameron Crowes Almost Famous. An solche Offenbarungen reicht der in jeder Hinsicht nette, recht simpel gestrickte und nie allzu spannend werdende Grenzverkehr nicht heran. Aber es ist ein durchaus gelungener deutscher Genrefilm: Immerhin, schön, daß es sowas überhaupt mal gibt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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