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Grenze

D 2003. R,B: Holger Jancke. K: Peter Badel. S: Dagmar Dick. M: Alexander Istschenko. P: Hoferichter & Jacobs.
77 Min. Salzgeber ab 11.11.04

Grenzerfahrungen

Von Frank Brenner Die innerdeutsche Grenze war Symbol von Leid, Not, aber auch Hoffnung auf Flucht und wurde nach dem Ende der DDR zum Gegenstand der berüchtigten Mauerschützenprozesse. Es ist schon vieles gesagt und geschrieben worden über dieses widerwärtige Kapitel des Kalten Krieges und der DDR-Gesetze. Doch Holger Jancke packt das Thema nun auf eine neue, sehr persönliche Weise an, die sicherlich Aufmerksamkeit verdient hat.

1987 wurde Jancke zusammen mit vielen anderen Wehrdienstleistenden zu den Grenztruppen eingeteilt und mußte deshalb seinen achtzehnmonatigen Dienst am Todesstreifen ableisten. Nach achtzehn Jahren hat er sich nun auf Spurensuche begeben und vier seiner damaligen Kollegen dazu bewegen können, über ihre Erfahrungen, Gefühle und Ansichten zu sprechen und diese offensichtlich für alle auch heute noch belastende Zeit noch einmal Revue passieren zu lassen.

Jancke und sein Filmteam besuchen die ehemaligen Wehrdienstgebäude, in denen heute unter noch unmenschlicheren Bedingungen doppelt so viele Asylanten eingepfercht sind, als früher dort Soldaten stationiert waren. Es zeigt sich, daß sich erstaunlich wenig verändert hat (die Pförtner und der Chefkoch sind die gleichen, der Grenzzaun und die Wachtürme sind der Erinnerung wegen unangetastet geblieben), was bei den Mitdreißigern die offensichtlich noch nicht ganz verarbeiteten Gefühle wieder aufleben läßt. In diesen Momenten ist Janckes Film, sicherlich auch durch die Nähe des Filmemachers zu den von ihm dokumentierten Personen, persönlicher und intimer, als man erwarten würde. Es zeigt sich nämlich, daß die Beteiligten keinesfalls mit Überzeugung ihrer Aufgabe nachgingen, sondern ihre Zeit am Todesstreifen eher widerwillig absaßen. Die ehemaligen Vorgesetzten konnten bzw. wollten ihre Ansichten in diesem Film nicht zum Ausdruck bringen, ein weiterer Wehrdienstleistender, der sich als IM-Spitzel erwies, drohte gar mit einer Nötigungsklage gegen Jancke und ist deswegen natürlich auch nicht im Film zu sehen.

Dafür ist es dem Regisseur gelungen, den einzigen Mann vor die Kamera zu bekommen, dem es während dem achtzehnmonatigen Pflichtdienst der fünf Männer gelungen war, an deren Grenzposten vorbei in den Westen zu fliehen. Mit ihm und seinen Statements gewinnt der Film eine zusätzliche Dimension hinzu, die ihn zu einem interessanten Stück deutsch-deutscher Vergangenheitsbewältigung macht. Ein mit einfachen Mitteln auf DV-Material gedrehter Dokumentarfilm, dessen Thema jedoch genügend Diskussionsstoff liefert. 1970-01-01 01:00
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