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Goyas Geister

Goya's Ghosts. E/USA/F 2006. R,B: Milos Forman. B: Jean-Claude Carrière, Michael Weller. K: Javier Aguirresarobe. S: Adam Boome. M: José Nieto. P: Kanzaman, The Saul Zaentz Company. D: Javier Bardem, Natalie Portman, Stellan Skarsgård, Randy Quaid u.a.
114 Min. Tobis ab 23.11.06

Bilder für Bildungsbürger

Von Dietrich Brüggemann Wenn man einen Film über einen Musiker macht, beispielsweise über Mozart, dann kann man die Werke des echten Mozart problemlos im Film unterbringen. Macht man hingegen einen Film über einen Maler, dann ist das schon etwas schwieriger, denn Gemälde bilden meist Menschen ab. Wenn daher im Film der Maler Francesco Goya ein Porträt malt, dann muß man entweder ein Porträt im Stil von Goya anfertigen, das den Schauspieler zeigt, der im Film Modell steht – oder aber man nimmt ein echtes Goya-Gemälde und sucht sich für die Besetzung dann jemandem, der der Person auf ebendiesem Bild möglichst ähnlich sieht. Was man auch macht, es bleibt kompliziert. Und Filme über Künstler haben noch ein anderes Problem, denn das bewegte Filmbild kommt nie zur Ruhe, der Film will immer weitermachen, während das Gemälde eigentlich die Zeit anhält und in Ruhe betrachtet werden will. Deswegen wirken Gemälde, formatfüllend ins Filmbild gerückt, immer wie Fremdkörper in einem Medium, das ihrer Natur entgegengesetzt ist.

Daß diese Probleme in Milos Formans neuem Film Goyas Geister nicht im Zentrum stehen, liegt daran, daß der Film eigentlich gar nicht von Goya handelt. Er erzählt aus der Zeit der spanischen Inquisition und der französischen Besatzung um das Jahr 1800, und der Maler ist über weite Strecken nur Zeitzeuge für einen historisierenden Bilderbogen, in dem möglichst viele Themen Platz finden müssen. Die Tochter eines reichen Kaufmanns fällt der Inquisition in die Hände und wird gefoltert, Goya malt ein fratzenhaftes Porträt der spanischen Königin, ein finsterer Mönch spielt sein übles Spiel, dann fallen Napoleons Soldaten ein, lassen die Gefangenen der Inquisition frei, benehmen sich ansonsten genauso daneben wie die Machthaber vor ihnen, und als die dann wiederkommen, wird es auch nicht besser.

Mißtrauen gegenüber den Mächtigen zieht sich wie ein roter Faden durch Milos Formans Filme, und Goyas Geister hat seine stärksten Momente, wenn er illusionslos vorführt, wie stets die Niederträchtigen und die Zyniker an die Macht geraten, während die Anständigen froh sein können, ihre Haut zu retten. Dann aber verliert der Film sich in zu vielen Geschichten und interessiert sich geradezu sensationell wenig für seine Titelfigur. Amadeus lebte damals von einer höchst eigenen Version eines kindischen, verrückten Mozart, die aber mit solch filmischem Feuereifer verfochten wurde, daß es einen erstmal umwarf.

Hier ist im Zentrum eine Leerstelle. Goya, gespielt von Stellan Skarsgård, ist ein Mann ohne Eigenschaften. Kaum ein Gedanke wird an seine irrlichternden Bildeinfälle verschwendet, sie kommen überhaupt nur am Rande vor. Bevor der Film am Ende zur melancholischen Meditation über Werden und Vergehen wird, ist er in der ersten Hälfte eine Art Plädoyer gegen die Erzwingung von Geständnissen durch Folter – das mag ein ehrenwertes Anliegen sein, vielleicht nicht topaktuell, aber man kann notfalls noch nach Guantanamo gehen und dort Zeitbezüge finden. Daß die Spanische Inquisition nicht aus netten Leuten bestand, könnte sich auch herumgesprochen haben, ebenso wie die Brutalität, mit der die französische Revolution in der Gewißheit, die Menschheit zu beglücken, ihre eigenen Ideale mit Füßen trat. Mehr kommt im Grunde nicht heraus, und da der Film, wo er sich nun mal gegen Goya entscheidet, sich doch nicht für eine andere Hauptfigur entscheidet, bleibt man selbst bei all dem Entsetzlichen merkwürdig unberührt.

Im Abspann sind dann endlich die ganzen Bilder zu sehen, für die Goya so bekannt ist, und abgesehen von der oben beschriebenen Seltsamkeit des abgefilmten Ölgemäldes fragt man sich: Wo kommen die her, wieso erst jetzt? Und: Wo kommen sie her, wieso malt jemand so etwas?

Milos Forman gibt keine Antworten – das wäre nicht schlimm, aber er stellt noch nicht mal Fragen. Kamera und Schauspielführung verströmen die bildungsbürgerliche Gediegenheit eines öffentlich-rechtlichen Fernsehfilms, und nur gelegentlich blitzt die spielerische zwischenmenschliche Raffinesse auf, für die man Milos Forman mit Recht verehrt hat. Gut gemacht und gut gespielt ist das schon alles, doch auch wenn Natalie Portman nach fünfzehnjähriger Kerkerhaft als wandelnder Zombie wieder ans Tageslicht wankt und in einer Doppelrolle auch noch ihre eigene Tochter verkörpert, dann wirkt das wie eine Zirkusnummer, für die niemand so recht den eigentlichen Grund weiß. Und das ist ein Gefühl, das sich auf den ganzen Film erstreckt. 1970-01-01 01:00

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