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Gottes Werk und Teufels Beitrag

The Cider House Rules. USA 1999. R: Lasse Hallström. B: John Irving. K: Oliver Stapleton. S: Lisa Zeno Churgin. M: Rachel Portman. P: Film Colony. D: Michael Caine, Tobey Maguire, Charlize Theron, Delroy Lindo, Paul Rudd, Jane Alexander u.a.
131 Min. Kinowelt ab 16.3.00

Glattgebügelte Literatur

Von Christian Gruber Wenn ein Literatur-Bestseller verfilmt wird, empfiehlt es sich ganz genau nachzuforschen, welche Personen an dem bevorstehenden Projekt beteiligt sind. Entdeckt man dabei als Verantwortlichen einen Mann aus München mit schlechten Zähnen, sollte man tunlichst die Finger von der Kinokarte lassen, es sei denn, man will Weichspülerkino in Fernsehästhetik vorgesetzt bekommen.

Gottes Werk und Teufels Beitrag ist einer der überaus erfolgreichen Romane von John Irving. Verfilmt wurden schon einige davon, manche unterdurchschnittlich, wie Hotel New Hampshire, manche grandios wie Garp und wie er die Welt sah von George Roy Hill. Einer gelungenen Adaption ist es grundsätzlich immanent, daß nicht stoisch an der Vorlage festgehalten wird. Der Autor muß eine Art filmischen Faden finden, der sich generell von der Vorstellungskraft, die ein Roman voraussetzt, unterscheidet.

Vorliegend hat der Romanautor selbst das Drehbuch verfaßt. Irving hat dem wohl besten seiner Romane ein paar Kanten genommen und ein paar große Bilder hinzugefügt. Er hat eine runde Geschichte in ein Bildermeer eingefügt und zusammen mit Regisseur Lasse Hallström (Gilbert Grape) eine ideale Besetzung für seine verschrobenen Charaktere gefunden.

Die Geschichte des Waisen Homer Wells (Tobey Maguire) und seines Ziehvaters Dr. Wilbur Larch, der wunderbar von Michael Caine verkörpert wird, hat ihren Schauplatz in einem Waisenhaus in New England, in welchem Dr. Larch nicht nur Waisenkinder großzieht, sondern auch höchst illegal Abtreibungen vornimmt. Homer Wells ist von Beginn an fest an dieses Waisenhaus gebunden und wird unvermeidbar von Dr. Larch zum Mediziner ausgebildet. Er weigert sich aber vehement, an den Abtreibungen mitzuwirken. Der Film thematisiert besonders diesen moralisierenden Teil des Buches und den tiefen Wunsch nach Erlebnissen und Erweiterung seines Horizontes, der Homer schließlich von Dr. Larch trennt und auf eine Apfelplantage ins »Cider House« treibt.

Etwas schwerfällig ist dieser Film geworden, etwas spannungsarm und konturlos. Stapleton hat wunderbare Bilder eingefangen, Portman das Ganze mit einer sensiblen und akzentuierten Musik unterlegt. Aber dem Film fehlt trotz allem ein gewisser Fluß und eine epische Tiefe, die das Buch ohne Zeifel vorweist. Mit dem Bügeln der Geschichte sind Irving auch einige der Momente abhanden gekommen, die die Grundidee des Romans interessant machen. So kommt neben der Frage nach grundlegenden Gesetzen, nach Gut und Böse und Moral, die Erzählebene mit etwa der Adoleszensphase von Homer völlig zu kurz. Seine Konflikte mit potenziellen Adoptiveltern, sein Leben im Waisenhaus oder auch die durchaus gewalterfahrene Kindheit bleiben völlig außen vor.

Sehenswert wird Gottes Werk und Teufels Beitrag daher letztenendes nur durch seine Darsteller, allen voran dank eines genialen Michael Caine, der hoffentlich auch weiterhin regelmäßig britisches Understatement in amerikanischen Großproduktionen unterbringen darf. Was bleibt? Ein schöner behäbiger Film, nicht mehr. 1970-01-01 01:00
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