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Gothika

USA 2003. R: Mathieu Kassovitz. B: Sebastian Gutierrez. S: Yannick Kergoat. M: John Ottman. P: Dark Castle Entertainment. D: Halle Berry, Robert Downey Jr., Charles S. Dutton, John Aroll Lynch u.a.
98 Min. Columbia TriStar ab 11.03.04

Versteck’ Dich im Swimmingpool

Von Lars Lehner »Ich war jung und brauchte das Geld« oder, warum Menschen Dinge tun damit sie im Leben weiterkommen, so könnte man den ersten amerikanischen Film des französischen Schauspielers und Regisseurs Mathieu Kassovitz entschuldigen.

Den meisten dürfte Kassovitz hierzulande durch seine Regiearbeit Die purpurnen Flüsse bekannt sein, oder als Fotofixrecycler in Die fabelhafte Welt der Amélie.

Mit dem Erfolg von Gothika möchte der Europäer »ein paar Türen in der Branche öffnen und in das System eindringen. Nur so kann … (er) es von innen ficken«, das erzählte er kürzlich in einem Spiegel-Online Interview. Wahrscheinlich ist deshalb ein überraschungsloses Mainstreamwerk entstanden, das mit der Zeit mehr Spannung und vor allem jegliche Logik verliert.

Klassisch beginnt der Psycho-Horror mit einer regnerischen Nacht: Auf dem Heimweg hat Psychologin Dr. Miranda Grey einen Unfall als sie einem mysteriösen Mädchen auf der Straße ausweichen muß. Mit einem dicken Brummschädel wacht sie in einer Zelle ihres Arbeitsplatzes auf, ein Frauengefängnis, welches ihr Ehemann leitet. Ihr Kollege und Freund Dr. Graham versucht der verstörten Schönheit mit jeder Menge Fachsimpelei zu erklären, daß sie ihren Mann zerhackt haben soll, leider kann sich Miranda an nichts mehr erinnern. Nach kurzem Durchatmen erfährt sie den nächsten Schock in Form von geisterhaften Erscheinungen des Mädchens auf der Straße: »not alone« wird rückwärts in Spiegelschrift auf ihre Zellenwand geschrieben – zwei Worte die im weiteren Verlauf noch häufiger auftreten und schließlich eine plausible Erklärung abliefern werden.

Wie Miranda stellt der Zuschauer fest, daß kein Motiv für den brutalen Mord vorhanden ist, wobei man die Ehe zwischen einer ehemaligen Miss America und einem übergewichtigen Grinsekater sowieso kaum abnimmt. So macht sich die Protagonistin mit Hilfe des Geistermädchens auf, um eine Lösung des Rätsels zu finden. Allerdings wird sie dabei vom Geist nicht nur unterstützt, sondern auch immer wieder malträtiert – ob das Sinn macht, bleibt wie vieles offen.

Nach gut der Hälfte des Filmes muß der Editor frischen Kaffee aufgesetzt haben, denn nun wird in kurzen Sprüngen eine Frage nach der anderen aufgelöst, selbstverständlich ohne dem Zuschauer logische Erklärungen zu geben. Die Filmemacher versuchen auch die aberwitzigsten Szenen als realistisch durchgehen zu lassen – Stichwort: »versteck dich im Swimmingpool« – und auch das Finale enttäuscht durch allzu simple Antworten. Selbst die obligatorische Action zum Schluß ist für den Blockbuster-Produzenten Joel Silver eher minimalistisch ausgefallen. Ohne den Moralapostel zu spielen – darf man eine schlimme Tat tolerieren, wenn das Opfer noch schlimmere begangen hat? Anscheinend ja, aber die Geschichte spielt eben auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Freiheit für alle, auch für Psychopathen.

Konnte Kassovitz vor Jahren noch mit seinem Vorstadtdrama La Haine als Autor und Regisseur die Presse und das Publikum überzeugen, so sollte man seinen Einstieg in die US-Filmlandschaft schnell wieder vergessen. Bleibt abzuwarten, ob seine Science Fiction-Vision namens »Babylon Babies« den erwünschten Sponsorregen durch Gothikas Erfolg erhält. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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