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Gosford Park

USA 2001. R: Robert Altman. B: Julian Fellowes. K: Andrew Dunn. S: Tim Squyres. M: Patrick Doyle. P: Capitol Films, Chicagofilms. D: Michael Gambon, Emily Watson, Kristin Scott Thomas, Maggie Smith u.a.
137 Min. UIP ab 13.6.02

Identitätsfindung in der Gesellschaft

Von Carsten Tritt Nach dem guten alten Motto »Schuster bleib bei deinen Leisten« hat der Robert Altman mal wieder das gemacht, wofür er mit Short Cuts oder Prèt-â-Porter berühmt geworden ist, nämlich einen großen Ensemblefilm, bei dem man die Charaktere ganz grob in 34 Haupt- und zwei Nebenfiguren aufteilen könnte. Thema des Films ist Identität, und angesiedelt ist das Werk in einem englischen Landhaus des Jahres 1932, in dem sich eine Jagdgesellschaft samt Dienerschaft zu einem Wochenende zusammenfindet.

Jede der ersten 14 Figuren hat ihre kleine Geschichte, etwa wird Person Nr. 3 – sie ist ungefähr (sic!) so alt, so lange auch die Ehe ihrer Eltern besteht – von Nr. 9, der seine letzte Arbeit verloren hat und mit Nr. 10 verheiratet ist, erpreßt. Dafür macht ihr Nr. 11 den Hof. Die zwanzig nächsten Figuren sind die Dienstboten, die nun gerade keine eigene Geschichte haben dürfen, da sie ihren Herren treu ergeben zu sein haben und, um dies deutlich zu machen, sich im Dienstbotentrakt mit dem Namen ihrer Herren anreden. Was natürlich z.B. Nr. 1 nicht davon abhält, mit Nr. 24 geschlechtlich zu verkehren.

Altman schafft so eine für heutige Verhältnisse schwer zugängliche Welt – deren Antiquiertheit im Film so deutlich ist, wie sie es wohl auch in der Realität des Handlungsjahres schon war. So wie bei allen antiquierten Formen bleibt dies auch im Film nicht ohne Konsequenz, und diese bedeutet hier die Ermordung von Nr. 1, worauf Nr. 35 und Nr. 36 erscheinen, um den Mörder zu recherchieren – auch zwischen ihnen gibt es übrigens eine klare Hierarchie zwischen Vorgesetztem und Untertan.

Den Zugang sucht er durch zwei Figuren zu geben, die selbst etwas abseits der in Herren und Dienerschaft deutlich gespaltenen Gesellschaft stehen: durch einen US-Filmproduzenten, der in England für einen neuen Charlie Chan-Film recherchiert (Nr. 14) und die junge, noch unerfahrene Zofe von Nr. 4, Nr. 28.

Robert Altmans Film ist hochintelligent und strunzlangweilig. Denn es ist ihm zwar eine in ihrer Genauigkeit beeindruckende Analyse dessen gelungen, was menschliche Identität ausmacht und inwieweit sie sich reduzieren läßt. Jedoch versucht er dies zu erzählen mit Personen, deren Identität irrelevant ist; die Erlebnisse der Herren sind irrelevant, sie selbst sind langweilig.

Geschildert werden interne Probleme einer Gesellschaft, die ohne jeglichen Bezug zu irgendetwas außerhalb von ihr zu bleiben wünscht, und die daher über die Kenntnisnahme ihrer bloßen filmischen Existenz keinerlei Interesse durch den außerhalb stehenden Zuschauer finden soll. Das ist allerdings aus Altmans Sicht konsequent, denn somit analysiert er sein Thema nicht nur durch die Figuren der Dienerschaft, sondern auch durch die der selbstverliebten Herrschaften.

Für sein Publikum wäre es hingegen besser gewesen, er hätte ihm diese detaillierte Darstellung erspart und das Ergebnis der Analyse in einem kurzen Essay zusammengefaßt. Der Mord wurde übrigens von Nr. 16 begangen, und das Motiv hat etwas mit der geheimen Identität von Nr. 30 zu tun, die letzterer aber nie ganz entschlüsseln wird. 1970-01-01 01:00
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