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Good Night, and Good Luck

USA 2005. R,B: George Clooney. B: Grant Heslov. K: Robert Elswit. S: Stephen Mirrione. P: Section Eight. D: David Strathairn, George Clooney, Robert Downey Jr., Frank Langella, Jeff Daniels u.a.
93 Min. Kinowelt ab 6.4.06

Die Herren mit den weißen Hemden

Von Oliver Baumgarten Tribunal: »Es steht kein Zeuge zur Verfügung.«
Gefangener: »Warum haben Sie die Zeugen nicht gefunden?«
Tribunal: »Sie gelten als nicht verfügbar. Auch die Anklage hat heute keine Zeugen.«
Gefangener: »Sie haben nicht einen Zeugen? Ich habe Hunderte Zeugen in meinem Dorf Galdon, und Sie gehen nicht hin, um diese zu finden?«
Tribunal: »Wenn Sie sonst nichts zu sagen haben, können wir jetzt weitermachen.«
Gefangener: »Was heißt weitermachen? Die Sache mit den Zeugen ist mir sehr wichtig. Wenn Sie keine Zeugen haben, habe ich Zeugen. Mein Dorf. Wenn dort jemand sagt, ich sei schuldig, bin ich schuldig. Ansonsten: Was mache ich hier?«
Tribunal: »Es ist bereits entschieden worden. Es wird keine Zeugen geben.«

Die öffentlichen Schauprozesse unter Vorsitz des Senators Joseph McCarthy zu Beginn der 50er Jahre in den USA, die kommunistische Umtriebe aufdecken sollten, bewegten sich jenseits aller freiheitlichen Prinzipien. Ohne Beweise wurde geurteilt und denunziert – eine unrühmliche Ära im Land der Freiheit, in der Angst zum moralischen und rechtsstaatlichen Ratgeber wurde. Es ist freilich kein Zufall, daß sich George Clooney ausgerechnet jetzt der McCarthy-Ära annimmt und aus einem vordergründig historischen Stoff ein klares filmisches Statement zur Lage der amerikanischen Nation im Jahre 2006 formuliert. Parallelen zwischen damals und heute finden sich genug, wie schon der oben zitierte Auszug eines Verhörprotokolls beweist (zitiert nach der SZ vom 11./12.3.2006).

Diese Szene aus einem der sogenannten »Guantanamo-Prozesse« und ein McCarthy-Originaldokument, das Clooney in seinen Film montiert, liegen inhaltlich verblüffend nah beieinander. Wozu Beweise gegen den vermeintlich Bösen, wenn die Guten einen Verdacht haben? Auch einige verbriefte Aussprüche des kritischen TV-Journalisten Edward R. Murrow, den Clooney in den Mittelpunkt seines Films stellt, würden einem Helden anno 2006 gut zu Gesichte stehen. Etwa: »Wir erklären uns selbst, und das mit Recht, zu Verteidigern der Freiheit, wo immer sie in der Welt weiter existiert, aber wir können die Freiheit nicht außerhalb des Landes verteidigen und sie hier aufgeben.«

Jemand, der bereits in den 50er Jahren solche Worte sprach, macht posthum eine gute Figur in liberalem Hollywoodkino heutiger Tage. Und nur zu leicht wäre es gewesen, den Sockel des filmischen Murrow-Denkmals in den gleichen blumigen Stuck zu modellieren, in dem schon zahllose Töchter und Söhne der Nation ein angestaubtes Dasein fristen als immergleiche Role Models für Anstand und Freiheit. Um so bemerkenswerter ist die unaufgeregte Art, mit der George Clooney den Mut der Nachrichtenredaktion um Edward R. Murrow umsetzt, als diese recht vehement gegen das Vorgehen von McCarthy zu berichten beginnt und an dessen Sturz schließlich nicht unwesentlich Anteil hatte. In gelassener Konzentration fast Eastwoodscher Art liegt der Fokus des Films in der kühlen Beobachtung von Figuren und atmosphärischen Momenten. Keine Streicher verkleben die feinen Nuancen der Inszenierung durch künstliche Überhöhung von Emotion, kein Darsteller verschmiert die Natur des Moments durch kläffende Präsenz. Und trotzdem, ja gerade deswegen, ist David Strathairn unumstritten der Star des Films, weil allein die ernste Autorität, die er seiner Figur verleiht und die latente Furcht, zum Hinsehen zwingen.

Ohnehin ist Good Night, and Good Luck ein klassischer Ensemblefilm, angesiedelt ausschließlich in den Räumen der Fernsehredaktion. Im wirklich betörenden Schwarzweiß von Robert Elswit rauchen ritterliche Herren in weißen Hemden eine Zigarette nach der anderen, während im Studio gleich nebenan eine Sängerin (es ist übrigens Dianne Reeves) zeitgenössischen Jazz interpretiert: eine geschmackvoll inszenierte und eindrücklich gespielte nostalgische Herrenphantasie, in die sich unvermittelt der Terror einschleicht. Ein staatlicher Terror, der sich heute zu wiederholen droht. Clooneys Film wagt eine klare »Message« und gewinnt auf höchstem Niveau. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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