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Golden Door

Nuovomondo. I/F 2006. R,B: Emanuele Crialese. K: Agnès Godard. S: Maryline Monthieux. M: Antonio Castrigano. P: Fandango, Memento Films, Respiro. D: Charlotte Gainsbourg, Vincenzo Amato, Francesco Casisa, Andrea Prodan u.a.
120 Min. Prokino ab 31.5.07

Das Karottenparadies

Von Tamara Danicic In unserer desillusionierten modernen Gesellschaft dürfte der in die Jahre gekommene Traum vom Schlaraffenland wohl nur noch ein spöttisches Lächeln auslösen. Vor hundert Jahren sah die Sache noch deutlich anders aus, zumal, wenn man aus dem sizilianischen Karst kam. Einer Gegend, in der die Menschen die Geister ihrer Ahnen mit den Gaben, die der ausgemergelte Boden hergab, bei Laune zu halten versuchten. Kein Wunder, daß man da aus ganzem Herzen an baumstammgroße Karotten, aus Baumkronen regnende Goldmünzen und wolkenweiches Brot glauben wollte. Amerika, so hieß das Schlaraffenland damals.

In Emanuele Crialeses filmischem Tryptichon fährt die bettelarme Bauernfamilie Mancuso von Sizilien über den Ozean nach Ellis Island. Geschickt spielen die zum Teil großartigen Bilder von Agnès Godard mit der Geometrie der Räume, setzen die unendliche Weite der sizilianischen Landschaft gegen die Beengtheit des Schiffs oder die unüberwindbar scheinende Begrenzung des amerikanischen Auffanglagers.

Dabei erweist sich das vermeintliche Tor zum Paradies eher als Einwanderer-Vorhölle, wo die Angekommenen sich zum Teil entwürdigenden Ritualen unterziehen müssen, bevor lediglich die Tauglichen, Arbeitsfähigen, halbwegs Intelligenten ins Gelobte Land gelassen werden. Zusammen mit den Mancusos reist unter anderem auch die ätherische Britin Lucy, die wie ein weiblicher Alien wirkt auf diesem Schiff der Hoffnungslosen, die nichts mehr zu verlieren haben und deren Namen – wie »Retter« (Salvatore), »Engel« (Angelo) oder »Glückliche« (Donna Fortunata) – ihren rührend naiven Glauben an göttliche Lenkung und wohlmeinendes Schicksal in sich tragen.

Clever entzieht Crialese sich dem moralisierenden Sozialdrama, das Alte und Neue Welt gegeneinander ausspielt, um sich am Ende mit seiner Empathie auf die anerkanntermaßen richtige Seite zu stellen. Denn so demütigend das Prozedere auf Ellis Island auch erscheinen mag, so schlägt der Film (bis auf einen kleineren Rührseligkeitsausreißer am Schluß) daraus dennoch erfreulich wenig Kapital. Statt dessen konzentriert sich Golden Door darauf, zusammen mit seinen Protagonisten die Galaxien zu durchmessen, die zwischen ihrer archaischen Heimat und der Projektionsfläche ihrer Träume liegt. Ohne Identifikation zu simulieren, aber durchaus mit Sympathie und einem Augenzwinkern, vor allem in den eingestreuten Traumsequenzen. Und vielleicht wünscht manch einer sich am Ende tatsächlich, mit Charlotte Gainsbourg auf einer Riesenkarotte in Milch zu schwimmen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #46.
© 2012, Schnitt Online

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