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Ewige Schönheit – Vision und Todessehnsucht im Dritten Reich

D 2003. R,B,P: Marcel Schwierin. S: Christoph Girardet.
91 Min. Neue Visionen ab 14.4.05

Das Goebbels-Experiment

D 2005. R,B: Lutz Hachmeister. B: Michael Kloft. K: Hajo Schomerus. S: Guido Krajewski. P: HMR International.
112 Min. Edition Salzgeber ab 14.4.05

Hinter dem Mythos

Von Thomas Warnecke Keine Zeitzeugen! Keine tränenblinden Altnazis, die sich mit zitternder Stimme in die ergriffene Stimmung innerer oder äußerer Reichsparteitage zurückversetzen; kein eitler Guido Knopp, der als Gralshüter der Geschichte mahnend und kommentierend dem Zuschauer entgegenglotzt. Mit dem Start von Ewige Schönheit bietet sich das Kino als Schutzraum vor der televisionären Verkitschung der Nazivergangenheit Deutschlands an. Marcel Schwierins Film macht den Eindruck, als solle, ähnlich wie unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges, mit Filmvorführungen den Deutschen der Ungeist des nationalsozialistischen Regimes erneut vor Augen geführt werden. »Vom Nationalsozialismus geht bis heute eine merkwürdige Faszination aus,« sagt der Kommentar, und Ewige Schönheit zeigt, was er für ihre hartnäckigste Quelle hält: »Was blieb, waren die Bilder.«

Einen besonderen Zeitzeugen lassen Lutz Hachmeister und Michael Kloft zu Wort kommen: Joseph Goebbels. Warum redet eigentlich heute keiner mehr, wie es die internationalen Kommentatoren in den 30ern taten, von »Dr. Goebbels«? Die Nennung des Titels hätte vielleicht den Effekt, die Person konkreter zu machen. Nichts anderes steht ja hinter der Personalisierung, die das koproduzierende Spiegel-TV vom Mutterhause aus gewohnt ist. Nach Der Untergang war immer von Vermenschlichung die Rede: Richtig betrieben und verstanden birgt sie die Chance, die Dimensionen zurechtzurücken. Aus Superhitler und Supergoebbels würden dann zwei Einzelne, die sich an die Spitze einer ganzen Bewegung von Zukurzgekommenen und Fanatikern gestellt haben, und die nichts gewesen wären ohne die Mithilfe oder zumindest Duldung Millionen anderer. Der von den Nazis betriebenen Entindividualisierung kann doch nur die Individualisierung durch die zivilisierte Geschichtsschreibung praktizierende Nachwelt folgen. Doch Der Untergang und Knopp-TV sind viel zu sehr fasziniert von der Dämonie der Herrscherfiguren, die sie letztlich selbst erst kreieren.

Zu NS-Dokus aus Goebbels' Heimatstadt, zu Aufnahmen von seinen Auftritten und Reden oder auch Heinz Rühmanns Geburtstagsfilmständchen mit den Goebbels-Kindern spricht Udo Samel Passagen aus den Tagebüchern des Propagandaministers. Seine Sprechweise liegt dabei zwischen dem einschmeichelnden Tonfall, der auch Goebbels zu eigen war (bei Samel mit etwas weniger dialektalem Einschlag), und Distanziertheit, die teilweise aus dem Tagebuch selbst spricht: Witzigerweise bezeichnet Goebbels den Rheydter, der nach Einmarsch der Amerikaner sich diesen als Bürgermeister andiente, als »spießigen Nazi«. Überflüssigerweise fügen die Autoren ihrem Film erstens immer wieder eine grundsätzlich verachtenswerte Synthesizertonspur hinzu; zweitens montieren sie eine Art Überblicks oder historische Perspektive zwischen die quasi biographischen Goebbels-Aufnahmen. So folgt etwa der Berliner Sportpalastrede mit der Ausrufung des Totalen Krieges ein Schnitt auf feuernde Kanonen - das ist wirkungsvoll, aber eben sehr simpel-pädagogisch, und nimmt dem Film viel von seiner beunruhigenden Wirkung, die aus der hergestellten Nähe zu einem der übelsten Hetzer und seinen wirren, oft aber beängstigend scharfsichtigen Vorstellungen entsteht. Außerdem ist dann nicht einsichtig, warum auf Goebbels' Judenhetze nicht Bilder der Vernichtungslager folgen.

Von Amts wegen mit der Außendarstellung der Reichspolitik befaßt, liegt Goebbels der Film besonders am Herzen, und seine Anmerkungen zu Harlans Kolberg lassen vermuten, daß die Propaganda auf ihn selbst die größte Wirkung hatte. Seinen kritischen Filmverstand schult er unter anderem an Eisenstein. Zu dessen Die Generallinie notiert er: »Man kann von den Bolschewisten vor allem im Anfachen, in der Propaganda, viel lernen. Der Film ist zu sehr Partei, weniger wäre mehr.« Daß er und andere unter den Machthabern die Wichtigkeit dieses »weniger« verstanden hatten und z.B. den Bildungsbürgern kleine Nischen ließen oder dem unterhaltsamen Aspekt des Kinos mindestens ebenso viel Bedeutung beimaßen wie dem propagandistischen, hat zum 12jährigen Erfolg der Nazis beigetragen. Dagegen führt Ewige Schönheit in fast anstrengender Klarheit vor Augen, wie ihre Idealwelt aussah. Im Zusammenschnitt aus Riefenstahl, Harlan, Wochenschau und Aufnahmen der Werke Speers, Brekers oder Thoraks entfaltet sich ein Panorama von erbärmlicher Simplizität. Die ständig wiederholte Gleichsetzung von Volk und Natur, die Beschwörung eines permanent organischen Stirb und Werde geht so weit, daß eine Einstellung eines vollbeladenen Kornwagens sich in gleich drei Filmen wiederfindet. Ewige Schönheit zeigt die Hohlheit eines Ideals, Das Goebbels-Experiment führt vor, wie es zwölf Jahre erfolgreich vermarktet wurde. 1970-01-01 01:00

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