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Gods and Monsters

USA/GB 1998. R,B: Bill Condon. K: Stephen M. Katz. M: Carter Burwell. S: Virginia Katz. P: Lions Gate Film u.a. D: Ian McKellen, Brendan Fraser, Lynn Redgrave, Lolita Davidovich u.a.
106 Min. Arthaus ab 11.5.00
Von Sascha Westphal Ein Damm ist gebrochen im Gehirn von Frankensteins Vater. Seit seinem Schlaganfall überfluten Erinnerungen das Denken James Whales. Er findet keine Ruhe mehr; alles geht ineinander über, Vergangenheit und Gegenwart, Wirklichkeit und Imagination, Kino und Traum. Er ist wieder dieser seltsame Junge, der einfach nicht hineinpaßt in die Welt der englischen Arbeiter um die Jahrhundertwende. Er ist wieder der Offizier im Ersten Weltkrieg, der die erste Liebe findet in den Schützengräben. Er ist wieder der umschwärmte Hollywood-Regisseur, der auf dem Höhepunkt seines Ruhms The Bride of Frankenstein dreht als geheime Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Und er ist natürlich auch der gealterte Dandy, der ein letztes, ihn auslöschendes und damit erlösendes Monster erschaffen will.

Ein Porträt des Menschen als Gott und Monster. Bill Condon und Christopher Bram, von dem die Romanvorlage »Father of Frankenstein« stammt, treiben ein raffiniertes Spiel mit den Möglichkeiten. Der Tod von James Whale, dem großen (Horror-)Regisseur der 30er Jahre, ist eines der dunklen Rätsel Hollywoods. Hier mischen sich nun Biographie und Filmographie, Leben und Kunst, Wirklichkeit und Fiktion.

»A new world of gods and monsters« – der Traum des Mad Scientist Dr. Pretorius in The Bride of Frankenstein. Mit dem 20. Jahrhundert ist er wahr geworden, wenn auch auf eine ganz andere Art. Nur sind die Götter zugleich auch Monster, die Monster aber nicht immer auch Götter. Ein Riß geht durch den neuen Menschen, der erst einmal Geschöpf seiner Herkunft und des großen Krieges ist und sich dann selbst erschaffen muß als sein eigener Gott auf den Schlachtfeldern der Westfront oder in einer Gewitternacht im Hollywood der 50er Jahre.

Seine letzte große Inszenierung soll es werden, die Verführung und Verwandlung des Gärtners und Gelegenheitsarbeiters Clayton Boone. In ihm sieht James Whale einen Menschen, den er zum Monster formen kann. Nur ist Boone genau das schon, geschaffen von seinem eigenen Vater, den der große Krieg geprägt hat. Die rohe, gewalttätige Seite des Ex-Marines Boone, der nicht weiß, wie er mit Whales Homosexualität umgehen soll, fasziniert und blendet den kranken, von seinen Erinnerungen wie von Geistern verfolgten Regisseur. »Death before dishonour«, so steht es auf dem Arm des Heimatlosen Boone. Darauf setzt Whale und sucht in ihm den Mörder, aber was er findet, ist ein Freund.

Bride of Frankenstein revisited – nur ist der Tod nicht mehr durch ein Lachen zu besiegen. Was bleibt, ist die Einsamkeit der Außenseiter, die Verlorenheit der Monster und der Götter. Der unkontrollierbare Sturm der Gedanken und Erinnerungen in Whales Kopf legt die unsichtbaren Verbindungen offen, bringt die verborgenen Verknüpfungen aus dem Dunkel des Unbewußten ins Licht der Bilder und Halluzinationen. Der Weg von den Schützengräben der Westfront führt direkt in die gotischen Sets der Universal Studios.

Die beinahe unerträglichen Schrecken des Krieges, die grausamen Scherze über den Tod, die den Schmerz des Verlustes lindern sollten, gebären in den 30ern eine ironische und zugleich melancholische Kino-Phantasie vom anmaßenden Wahnsinn der Schöpfer und von der unendlichen Todessehnsucht der Geschöpfe. Noch einmal zwei Jahrzehnte später ist auch das Lachen der Götter keine Lösung mehr. Die Suche des Monsters nach einem Freund ist der letzte noch verbleibende Weg. 1970-01-01 01:00

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