— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Glück in kleinen Dosen

The Chumscrubber. USA 2005. R: Arie Posin. B: Zac Stanford. K: Lawrence Sher. S: Wiliam Scharf, Arthur Schmidt. M: James Horner. P: El Camino Pictures, Equity Pictures Medienfonds. D: Jamie Bell, Camille Belle, Justin Chatwin, Glenn Close u.a.
108 Min. 3L ab 5.10.06

Schöne neue Welt

Von Nadine Sohn In dem kleinen Vorzeigestädtchen Hillside wird in einer beschaulichen Wohngegend der Teenager Troy erhängt aufgefunden. Von diesem Moment an tritt all das zutage, was zuvor unter einer wohldosierten Drogendecke schlummerte, denn Troy war der Dealer, der die Bewohner der Stadt versorgte. Drei Klassenkameraden wollen nun die Drogenreserven des toten Troy von dessen bestem Freund Dean erpressen. Anstatt Deans kleinen Bruder entführen sie allerdings den falschen Jungen, der dennoch tagelang festgehalten, gedemütigt und am Ende beinahe erstochen wird.

Der wirkliche Wahnsinn findet abseits der in Filmen oftmals als abnormal und gewalttätig dargestellten Teenagerwelt statt. Die Erwachsenen Hillsides, die ein perfektes Leben zwischen erfolgreichem Beruf und glücklichem Familienleben zu führen scheinen, offenbaren nun ihre wirkliche Seite: Ihr Vertrauen in Drogen, ihre Sucht nach Anerkennung und ihre Oberflächlichkeit lassen die Jugendlichen als die weit Vernünftigeren und Rationaleren erscheinen. Eine besondere Bedeutung erhält der Film durch seine Besetzung: Glenn Close als Troys Mutter, die mehr über die Anzahl der Trauergäste als über den Tod ihres Sohnes besorgt ist, Carrie-Anne Moss als Mutter, die sich im Schönheitswettstreit mit ihrer Tochter wähnt, und Ralph Fiennes, der einen treudoof-grinsenden, seine Seelenverwandtheit zu Delphinen entdeckenden Bürgermeister spielt. Der Regie-Neuling Arie Posin nutzt das Image dieser Schauspieler und schafft mit ihnen Figuren, die sich beständig zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit bewegen und einen Film, der durch sein Festhalten an Genrekonventionen solide Unterhaltungskultur bietet.

Auffallend sind die sich auflösenden Filmbilder: Der tote Troy erscheint seinem Freund in Form einer Computerspielfigur, die in ihre Pixel zerfällt. Ebenso wie die Filmbilder zerfällt auch das Bild der idyllischen Kleinstadt und zeigt uns die Absurdität und Perversion hinter dem Schein. Dies gilt, so legt uns der Regisseur durch sein Filmplakat nahe – auf dem sich die amerikanische Flagge in kleine Pillen auflöst – nicht nur für den utopischen Spezialfall Hillside, sondern für die gesamte (amerikanische) Gesellschaft.

Und wer mit dieser Gesellschaft nicht zu recht kommt, könnte das Fazit des Filmes lauten, nimmt entweder zu wenige oder die falschen Drogen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap