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Gloomy Sunday – Ein Lied von Liebe und Tod

D/H 1999. R,B: Rolf Schübel. B: Ruth Toma. K: Edward Klosinski. S: Ursula Höf. M: Detlef Petersen. P: Dom/Studio Hamburg/Focus. D: Joachim Król, Stefano Dionisi, Ben Becker, Erika Marozsán, Sebastian Koch, Lászlo I. Kish, Rolf Becker u.a.
112 Min. Universal ab 21.10.99

Melodie für Millionen: Gloomy Sunday

Von Oliver Baumgarten Musik ist mit Geschichten verbunden. Und das erst recht in einer Zeit, in der das Radio den Status des heutigen Fernsehens innehatte. So existiert reihenweise legendäres Liedgut aus jenen »Radio Days«, das Lebensstationen von Millionen markierte.

»Lili Marleen« war ein solches Lied. Obwohl in seiner Tendenz eher »wehrkraftzersetzend«, wurde das von Lale Andersen so melancholisch interpretierte »Lili Marleen« ab 1942 in Deutschland zur gigantischen Propaganda-Schnulze mit Durchhalteeffekt.

Etwa zeitgleich erzielte »Gloomy Sunday« eine etwas andere Wirkung in Ungarn. In den 30er Jahren in einem Budapester Restaurant von Rezsö Seress geschrieben, verlieh es unfreiwillig der ungarischen Depression während der deutschen Besatzung Ausdruck: Seine tiefe Melancholie trieb zahlreiche Menschen in den Suizid – und das weltweit.

Während Rainer Werner Fassbinder mit Lili Marleen seine Liebesgeschichte um die Künstlerin in einen bedeutenden politischen Kontext einbettet, konzentriert sich Rolf Schübel mit Gloomy Sunday ganz auf seine vier starken Figuren und behält diese innere Perspektive konsequent bei. Laszlo und seine Geliebte Ilona führen in Budapest ein Restaurant, das plötzlich durch besagte Ballade berühmt wird. Komponiert hat die tragische Melodie Hauspianist András und tat solches allein für die betörende Ilona. Er gewinnt eine Hälfte ihres Herzens. Die andere jedoch gehört nach wie vor dem tapferen Laszlo, so daß die drei einige Zeit eine ausgeglichene Ménage à trois leben. Während dieser Entwicklung taucht der deutsche Tourist Wieck im Restaurant auf, verfällt ebenfalls Ilonas magischer Ausstrahlung und wird abgewiesen. Mit dem Krieg kehrt er als SS-Offizier nach Budapest zurück und verfügt über die Macht, die Laszlos jüdisches Restaurant retten könnte.

Die Parallelen zu Aimée und Jaguar, der ebenfalls eine historische Wahrheit birgt und ebenfalls von einer ungewöhnlichen Liebe zu Zeiten der Nazi-Herrschaft erzählt, sind zwar augenscheinlich. Doch Schübel versucht gar nicht erst, politische Dimensionen zu entwickeln oder allgemein übertragbares Unrecht in monströse Bilder zu verpacken und gleichsam mit einer Fülle von Figuren eine bewegende Liebesgeschichte zu erzählen. Sein Zentrum der Handlung bleibt vornehmlich das äußerst heimelig ausgestattete Restaurant, seine gesamte Aufmerksamkeit widmet er seinen vier Figuren und schildert unaufgeregt das Selbstverständnis ihrer seltsamen Beziehung.

Die Richtigkeit dieser Entscheidung beweisen jene Szenen, die sich außerhalb des Lokals abspielen. Trotz der profunden Erfahrung des Wajda- und Kieszlowski-Kameramannes Edward Klosinski gelingt es Schübel kaum, außen eine auch nur annähernd so dichte und emotionsgeladene Atmosphäre zu erzeugen, wie es in den Innenaufnahmen durchgehend brillant funktioniert. Wie Fremdkörper wirken die bemühten Kameraoptionen und die blassen, um Authentizität ringenden Bilder. Innen hingegen gelingen wahrhaft glanzvolle Momente, wenn die Kamera ihre geliebten Darsteller in die Arme ihres Kaders schließen darf und wenn die Beleuchtung sanft die einzelnen Charaktere unterstützt.

So getragen entwickelt Ben Becker als Wieck in seiner unverwechselbaren körperlichen Wucht einen faszinierenden Wechsel von mitleiderregend bis eiskalt. Was Joachim Król allerdings mit seiner Rolle des würdevollen Laszlo bietet, gehört zum Überzeugendsten und Bewegendsten, das ich in diesem Jahr gesehen habe. Wofür andere einen ganzen Film benötigen, das erschafft Król, unter mustergültiger Unterstützung von Kamera und Regie, in einer einzigen Einstellung, in der Laszlo gezwungen wird, vor einigen Nazis einen Deutschen-Witz zu erzählen. Intensiver kann Demütigung nicht visualisiert werden. 1970-01-01 01:00

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