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Ghost Dog – The Way of the Samurai

USA 1999. R,B: Jim Jarmusch. K: Robby Müller. S: Jay Rabinowitz. M: The RZA. P: Plywood. D: Forest Whitaker, Isaach de Bankolé, John Tormey, Henry Silva u.a.
116 Min. Arthaus ab 13.1.00
Von Dietrich Kuhlbrodt Jim Jarmusch hat in seinem neuen Film diverse Kulturen gemixt und daraus eine Simple-Mind-Story gemacht. Held Ghost Dog ist fünffach determiniert. Erstens ist er Brieftaubenzüchter; deswegen flattert es im Film überall, gern auch gen Himmel. Zweitens ist der Geisterhund Bücherleser; das erlaubt dem Film, uns einige Schrifttafeln vorzusetzen. Drittens ist er Schwarzer; das wiederum bringt den coolen Original-Street-Beat des Wu-Tang-Clan-Rappers RZA auf die Tonspur.

Damit nicht genug, arbeitet Ghost Dog als Auftragskiller; damit ist die komische Seite des Films abgedeckt: Klischee-Mafiosi-Bosse, allesamt Gewalt-Comic-Fetischisten, machen sich lächerlich. Fünftens und letztens ist unser Mehrfachheld Samurai. Damit schuldet er seinem Herrn unverbrüchlichen Gehorsam, und der ist in Jarmuschs Fall fatalerweise eben einer der ethisch ungenügenden Mafiosibosse. Ein Konflikt! Was entsteht daraus? Bibberbibber. Wer mokiert sich? Wir Deutsche haben nicht das Recht dazu.

Denn aus deutscher Nibelungentreue entstanden die Greuel in Bosnien und Herzegowina sowie überhaupt die im 1. Weltkrieg. Erinnern wir uns. Wir gehen 90 Jahre zurück. Am 29. März 1909 prägte der in Hamburg, meiner Heimatstadt, geborene Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow in seiner legendären Reichstagsrede das Schlagwort »Nibelungentreue« für die unverbrüchliche Bündnistreue zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn.

Was war die Folge? Das glückliche Austria annektierte flugs Bosnien und Herzegowina. Das war ethisch, ethnisch und weltpolitisch ein großer Fehler. Die Nibelungentreue war das Falsche.

Wir können nicht verschweigen, daß die Nibelungentreue zur Nato nebst Einsatz deutscher Kämpfer in Bosnien und Herzegowina der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts auch nicht das Richtige war, erst recht nicht wenn belesene, gehorchende, rappende Killer vom Samurai-Schlag wie Ghost Dog für die richtige Sache, die dann selbstredend die schwarze gewesen wäre, dort zum Einsatz gekommen wären.

Jetzt könnte man mich fragen, ob ich mich mit der germanischen Vasallentreue nicht arg weit von Jarmuschs Film entfernt habe. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Denn ich sah den Film 1999 in eben dem Wien, das sich neunzig Jahre zuvor dank deutscher Treue das heutige Krisengebiet unter den Nagel gerissen hatte. Das Wien von damals war demnach die Mafiazentrale vom Ghost Dog 1999. Und das war und ist ethisch nicht in Ordnung. Soweit zur geographisch, regional und individuell konditionierten Rezeption des neuen Jarmusch-Films.

Wenn mich der Film mit seiner ebenso einfältigen wie reaktionären Ethikbotschaft auch jagen kann … – Hoppla, ich habe überhaupt nichts gegen Jim Jarmusch. Als er damals mit seinem Debütfilm Permanent Vacation (1980) zum Festival nach Mannheim gekommen war, geschah das auf eigene Kosten. Denn Fee Vaillant hatte den Film eben nicht zum Wettbewerb eingeladen. Unsere Jury hatte sodann von einem Recht Gebrauch gemacht, das sie heute, glaube ich, nicht mehr hat, und Jarmuschs Debütfilm erstens in den Wettbewerb gehievt ihn und zweitens ihn mit einem total bedeutungsvollen Preis bedacht, dessen Name mir momentan nicht gegenwärtig ist.

Um noch einmal anzusetzen: Ideologischer Simplizität ungeachtet hat der Film prima lakonische Werte; da steckt er dann doch drin, der gute alte Jarmusch, und Robby Müller hat das in klassischer Klarheit zum Ausdruck gebracht. Forest Whitaker ist aller Mehrfachdeterminierung zutrotz ein richtiger Mensch, ziemlich abgehoben und grad deswegen. Also unter uns Jungs funktioniert Ghost Dog dann doch – ungeachtet usw. 1970-01-01 01:00

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