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Ghetto

D/LT 2005. R: Audrius Juzenasc. B: Joshua Sobol. K: Andreas Höfer. S: Judith Futár-Klahn. M: Anatolijus Senderovas. P: Dragon Ciné, New Transit Entertainment. D: Heino Ferch, Sebastian Hülk, Erika Marozsán, Vytautas Sapranauskas u.a.
111 Min. Stardust ab 8.6.06

Ästhetischer Kitsch im Ghetto

Von Judith Maren Lange 1941 war ein lebensrettendes Lied im litauischen Ghetto von Vilna 10 Gramm Bohnen wert. Der Gesang der Jüdin Haya fasziniert den jungen Nazikommandanten Kittel derart, daß er ihr und ihrem Theaterensemble eine Spielerlaubnis erteilt, die die Schauspieler auf unbestimmte Zeit vor der Vernichtung rettet. Dafür macht der selbsternannte Kunstfreund und Saxophonist Kittel die Sängerin zu seinem persönlichen Spielzeug. Über Geschäfte und Ordnung im Ghetto verhandelt allerdings er mit dem jüdischen Kommandanten Gens.

Ghetto ist ein Beitrag zum litauischen Holocaust-Gedenkprogramm von Regisseur Audrius Juzenas, der den Film nach dem gleichnamigen Theaterstück von Joshua Sobol drehte. Die Umsetzung des nach einer wahren Begebenheit am Originalschauplatz gedrehten Films ist in zweierlei Hinsicht problematisch: Zum einen sind die professionell fotographierten Bilder unangemessen ästhetisch und stilisiert für die Thematik des Films. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Andreas Höfers unsichtbare Kameraführung. Beides führt dazu, daß der Zuschauer entweder die Flucht vor der überbordenden Ästhetik ergreift oder so in den Film eingesogen wird, daß er die Bildwirkung während der Filmrezeption nicht reflektiert. Im schlechtesten Fall ließ sich der litauische Regisseur durch die aus neun Ländern kommende finanzielle Unterstützung seines Projekts zu teuren Filmaufnahmen in Hollywood-Hochglanzmanier verführen, im besten Fall intendierte er die Unreflektiertheit des Rezipienten, um ihn hinterher als tatenlosen Zuschauer des Grauens vorzuführen, womit er ihn in die Position der Millionen Deutschen, die nichts gegen die Schrecken der Massenvernichtung getan haben, versetzte.

Zum anderen ist die Übertragung von Sobols Theaterstück in den Film fragwürdig. Auf der Bühne gelang das Theater im Theater als doppelbödige Farce. Im Film hat die Vermischung der beiden Ebenen eine fatale Wirkung: Kittel erschießt am Ende des Films die Schauspieler auf der Bühne. Ihr Blut vermischt sich mit ihrer marmeladigen Henkersmahlzeit, die vor der Hinrichtung eher an Gehirnmasse erinnerte und danach an Filmblut denken läßt. Sie liegen so kunstvoll und künstlich drapiert übereinander, daß man ihren Tod auf der filmischen Realitätsebene nicht ernstnehmen kann. Im Theater mag diese doppelte Ebene gewirkt haben, dem Film entzieht sie bedauerlicher Weise jeden Wirklichkeitsanspruch. 1970-01-01 01:00
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