— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

GG 19

D 2007. R: Boris Anderson, Nina Franoszek, Ansgar Ahlers, Marcel Ahrens, Sabine Bernardi, Axel Bold, Savas Ceviz, David Dietl, Johannes Harth, Marion Kracht, Andre F. Nebe, Carolin Otterbach, Kerstin Polte, Christine Repond, Andreas Samland, Harald Siebler, Suzanne von Borsody, Johannes von Gwinner, Philipp von Werther. B: Ansgar Ahlers, Boris Anderson u.a. K: Dirk Morgenstern, Marco Uggiano u.a. S: Ulrich Aschenbrenner, Monika Bergmann u.a. P: NFP. D: Thomas Bading, Stephan Boden, Martin Brambach, Katja Brenner u.a.
149 Min. NFP ab 31.5.07

Recht und billig

Von Carsten Tritt »Einmal Pommes rot-weiß, bitte,« sagt Brigitte Zypries, und grinst wie ein Honigkuchenpferd, weil sie diesen schweren Text ganz ohne Verhaspler herausgebracht hat. Das der aktuellen Gesundheitsaufklärung ihrer Kollegin Ursula »Ulla« Schmidt trotzende Bekenntnis der Justizministerin zur im siedenden Fett zubereiteten Kartoffel bleibt dann auch das gewagteste Statement in dem Political Correctness-Streifen GG 19. Es entschädigt daher auch nur wenig, daß sich das darstellerische Niveau über weite Strecken dem Spiel von Frau Zypries anpaßt. Über weite Strecken, wie gesagt, denn wir haben es hier mit einer Sammlung von 19 recht unterschiedlichen, nun, nennen wir es mal: Episoden, zu tun, die filmische Bearbeitungen der einzelnen Grundrechte des Grundgesetzes sein sollen. Warum auch nicht, schließlich hat ja schon Altmeister Krzysztof Kieslowski einst aus einer anderen Gesetzessammlung eine recht ansehnliche Fernsehserie gemacht. Der Vergleich hinkt freilich ein wenig, denn Kieslowski hatte bei seiner Verfilmung zwei Vorteile, die den diversen Machern von GG 19 augenscheinlich nicht zur Verfügung standen: Kieslowski hatte eine Idee und ein Konzept.

Problem eins: Es wird nicht klar, was GG 19 überhaupt will: Soll GG 19 ein Kommentar zum Stand der Bürgerrechte im heutigen gesellschaftlichen Umfeld sein? Soll es ein Lehrfilm zur politischen Bildung sein? Sollen hier künstlerische Konzepte gefunden werden, für die die Artikel 1 bis 19 des Grundgesetzes nur eine Ausgangsidee bilden? Bei einigen der Episoden scheint das eine, bei anderen das andere der Fall zu sein, während die meisten Episoden schlichtweg in keiner Weise funktionieren.

Ein Grundrecht ist bekanntlich und knapp zusammengefaßt ein Recht bzw. Abwehrrecht des Einzelnen gegenüber dem Staat mit Verfassungsrang. Gut, den Ausgangsfehler hat wohl bereits der Parlamentarische Rat verschuldet, der, als er auf Grundlage des Herrenchiemsee-Entwurfs das Grundgesetz schuf, vielleicht etwas zu sehr Wert darauf legte, aus dem Scheitern der Weimarer Republik Lehren zu ziehen und ein Neuaufkommen eines Verbrecherstaates wie dem Dritten Reich auf alle Zukunft zu verhindern, statt sich in angemessener Form darum zu sorgen, daß das Ganze auch recht einfach verfilmbar ist. Somit haben die Väter des Grundgesetzes dem Produzenten von GG 19, der sich schön plakativ einen Film pro Grundrecht vorstellte, sicherlich keinen Gefallen getan, als sie einigen Bürgerrechten zwar Verfassungsrang gegeben hat, diese jedoch nicht unter die Artikel 1 bis 19 überspannende Überschrift »Grundrechte« packten, sondern weiter hinten im Grundgesetz regelte. Aber irgendwie biegt das ein geübter Filmproduzent schon hin. So mögen z.B. das Wahlrecht (Art. 38) oder das Recht auf den gesetzlichen Richter (Art. 101) sicherlich dem einen oder anderen Bürger wichtig sein, aber eine Berücksichtigung in diesem Filmwerk kam unter diesen Prämissen natürlich nicht in Frage. Unseligerweise hat der Verfassungsgeber sodann noch Meinungs-, Informations-, Presse-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit kollektiv in den Artikel 5 gepfercht, während die Artikel 15 (Sozialisierung, d.h. Enteignung von Grund, Boden, Produktionsmitteln) und 18 (Verwirkung von Grundrechten) zwar in den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes geregelt sind, aber tatsächlich gar keine Grundrechte sind, sondern Einschränkungen derselben.

Zu behaupten, in GG 19 seien »die Grundrechte« verfilmt worden, ist also bereits Etikettenschwindel. Für den Film herangezogen wurde eine recht willkürliche Auswahl von Grundrechten sowie eben die grundrechtsfreien Artikel 15 und 18, zu denen den damit beauftragten Filmemachern dann auch rein gar nichts eingefallen ist.

Gerade die Verfilmung von Art. 18 grenzt an Leistungsverweigerung. Der inhaltsbetonte, auf lustig gemachte Dialog zwischen dem dicken Mann, der den Artikel 18 symbolisieren soll, und dem dummen Mann, der den Zuschauer symbolisieren soll, ist jedenfalls unerträglich. Übrigens, heißt das eigentlich noch »Symbolisieren«, wenn der ein gelbes Trikot mit einer aufgemalten »18« trägt und der andere im Kinosessel sitzt und Popcorn frisst, oder gibt’s dafür ein anderes Wort? Jedenfalls wäre es hier sowohl künstlerisch wertvoller als auch für den Zuschauer informativer gewesen, wenn z.B. Elmar Gunsch den Artikel einfach mal kurz vorgelesen hätte und fertig.

Bei der Artikel 15-Verfilmung hingegen wird eine Schmierentheater-Inszenierung eines Zukunftsstaates gegeben, der einer Mutter ein Kind wegen besonders fruchtbarer Erbanlagen für staatliche Zwecke wegnimmt. Abgesehen von der dilettantischen Umsetzung fragt man sich also, was das Ganze mit der Enteignung von Grundstücken oder Maschinen zu tun hat – schließlich wurde zum Artikel 6, Schutz von Ehe und Familie, schon eine recht ähnliche Geschichte erzählt. Die Antwort erhält der Zuschauer nicht im Film, sondern allenfalls im Statement zur Episode auf der Film-Homepage; genauso ist es übrigens beim Artikel 13-Beitrag (Unverletzlichkeit der Wohnung), der, außer daß er in einer Wohnung spielt, ebenfalls mehr mit Artikel 6 zu tun hat, jedoch kaum etwas mit seinem angeblich eigenen Thema.

Artikel 13 und Artikel 15 haben dabei mit den anderen, auf melodramatische Entwicklung abzielenden Episoden (so auch zu Artikel 6, 16) gemein, daß es keinem der Filmemacher gelingt, hier in der kurzen gegebenen Form irgendeine dramatische Entwicklung zu erzielen. Es wird einfach ein Klischeecharakter präsentiert, dem etwas mehr oder weniger Schlimmes passiert, und das war es auch schon. In dem Gewurschtel ist dabei fast noch ein vernachlässigenswerter handwerklicher Fehler, daß sich der als Artikel 16-Episode angekündigte Beitrag nichtmal mit Artikel 16 befaßt. Artikel 16 regelt u.a. das Verbot des Entzugs der Staatsbürgerschaft, die u.a. im Dritten Reich, von einigen Staaten auch heute noch, als Sanktion gegen politisch Oppositionelle eingesetzt wurde. Zwar mag es in dem sowieso willkürlichen Episodenflickwerk auch nicht mehr stören, statt dessen Artikel 16a (Asylrecht) zu verarbeiten, aber man hätte das dann wenigstens richtig bezeichnen können.

Insgesamt mag somit die ein oder andere Episode einen gewissen Informationswert besitzen, insgesamt ist GG 19 jedoch alleine in seiner Schludrigkeit konsequent, und somit noch nicht einmal als Lehrmittel im Unterricht geeignet, von künstlerischen Gesichtspunkten ganz zu schweigen. Zwar ist gelegentlich ein Bemühen sichtbar (Große Plansequenz bei Artikel 10), das jedoch im unförmigen Brei der Produktion versinkt. Die Regisseurin des auch auffallend mißlungenen Artikel 5-Beitrages hat hieraus auch die einzig richtige Konsequenz gezogen, weswegen als Verantwortlicher dieser Episode nunmehr statt ihrer der allseits beliebte Alan Smithee auftritt.

Die Inszenierung des Artikel 12 – Berufsfreiheit – hätte dabei durchaus Grundlage zu einem funktionierenden Film werden können. Eine gute Grundidee, ganz ordentlich auf eine funktionierende Pointe hin inszeniert – das reicht zwar nicht für einen eigenständig bestehenden Kurzfilm, hätte aber mit qualitativ ähnlichen gelungenen Episoden und bei Vorhandensein eines tragenden Konzeptes ein funktionsfähiges Gesamtwerk bilden können. Oder der Beitrag zu Artikel 1 (Schutz der Menschenwürde): Zwar fällt dieser Beitrag nicht durch besondere Originalität auf, und Kurt Krömers Rolle als Leiter einer menschenverachtenden Spielshow wurde schon von Dieter Thomas Heck im Millionenspiel oder Takeshi Kitano in Battle Royal besser ausgefüllt. Aber immerhin ist diese Episode erstens konsequent und zweitens angesichts einiger immer gewissenloser werdender Fernsehformate hochaktuell (kürzlich wurde in den Niederlanden die erste Show angekündigt, in der drei todkranke Menschen um die Spenderniere einer demnächst sterbenden Frau wetteifern dürfen). Insgesamt bleiben dies jedoch nur vergebliche Ansätze in einem Gesamtfilm, der in seiner Lustlosigkeit den Begriff Auftragsarbeit in seiner eintönigsten Ausprägung widerspiegelt.

Das einzig Positive an diesem Film ist somit seine Überlänge. Das ist zwar nicht schön für den normalen Kinozuschauer, doch so mancher deutsche Lehrkörper wird hoffentlich durch die Lauflänge abgeschreckt werden, gleich drei Unterrichtsstunden zur Behandlung von GG 19 aufzuwenden, wird seinen Schülern somit eine enorme Geduldsprobe ersparen, und dergestalt wenigstens einen kleinen Beitrag gegen die Politikverdrossenheit in unserem Lande leisten. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap