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Die Geschichte von Marie und Julien

Histoire de Marie et Julien. F 2003. R,B: Jacques Rivette. B: Pascal Bonitzer, Christine Laurent. K: William Lubtchansky. S: Nicole Lubtchansky. P: Pierre Grise, Arte France Cinema u.a. D: Emmanuelle Béart, Jerzy Radziwilowicz, Anne Brochet, Bettina Kee u.a.
150 Min. flax film ab 26.8.04

Letzter Akt der Tetralogie

Von Thomas Warnecke Wer wie Jacques Rivette über 50 Jahre lang Filme macht, macht nichts mehr falsch. Der Einfluß seiner Lehrmeister Renoir und Hitchcock ist aufgegangen in eine eigensinnige, originelle Form von Kino. Von Renoir hat er gelernt, daß der Film den Schauspielern folgen muß, und mit seinem Dauerkameramann William Lubtchansky hat er seine Vorstellung von der Aufnahme, die eine zentrale Rolle seiner theoretischen Überlegungen darstellt, perfektioniert. Von Hitchcock sind seine rätselhaften Konstellationen inspiriert, die Lust an geheimnisvollen Dialogen, am gut Ausgedachten.

Jerzy Radziwilowicz spielt einen Uhrmacher, der sich auf die Restauration alter Turmuhrwerke spezialisiert hat; eine durch und durch bedeutungshaltige Tätigkeit, die aber quasi dokumentarisch geschildert wird. In der Wahl einer solch symbolischen Tätigkeit schwingt europäische Überlieferung mit: Der Titan Kronos der griechischen Mythologie, bei den Römern Saturn, steht für die Zeit gleichermaßen wie für Melancholie; im Mittelalter bildete sich aus seiner Darstellung die des Todes als des Sensenmannes heraus. Schwermütig agiert denn auch der Wajda-Schauspieler Radziwilowicz; nur selten verlassen er und die Kamera die eigenen vier Wände. Die Verschmelzung von Tod und Eros in der Begegnung des Uhrmachers mit Emmanuelle Béart – zum ersten Mal filmt Rivette explizit erotische Szenen – bildet die besondere europäische Note gegenüber Mystery à la The Sixth Sense oder The Others . Daß Rivette sich von diesen relativ jungen Kinoerfolgen hat beeinflussen lassen, spricht für ihn und zeigt, wie aufnahmefähig gerade ein ausgesprochen elaborierter Filmstil sein kann.

Rivette hat einmal geschrieben: »Es gibt Dinge, die man nur furchtsam und zitternd angehen darf; dazu gehört zweifellos der Tod; wie soll man sich denn, wenn man so etwas Geheimnisvolles filmt, nicht wie ein Eindringling fühlen?« Die Umwege, die er macht, die Zeit, die er seinen Figuren läßt, laden Die Geschichte von Marie und Julien mit Spannung auf; aus den Totalen und Halbtotalen der Aufnahmen entwickelt sich erst der Plot und bezieht der Film seine Schönheit, mit der Rivette die Vorhersehbarkeitsfalle eines jeden Thrillers umgeht. Respekt heißt die Aufgabe des Filmemachers. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #35.
© 2012, Schnitt Online

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