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Genug

Enough. USA 2002. R: Michael Apted. B: Nicholas Kazan. K: Rogier Stoffers. S: Rick Shaine. M: David Arnold. P: Columbia, Winkler Films. D: Jennifer Lopez, Bill Campbell, Tessa Allen, Juliette Lewis u.a.
114 Min. Columbia Tristar ab 19.9.02

Genug gesehen

Von Jutta Klocke Die Ehefrau als Opfer männlicher Gewalt – dieses Thema ist uns nicht zuletzt bekannt aus Sleeping with the Enemy. Auch beim Schauen von Genug fühlt man sich mehr als einmal stark an diesen Film erinnert, handelt es sich doch um ein äußerst ähnliches Handlungsgerüst: Die Frau steht den Übergriffen ihres Mannes hilflos gegenüber; auch von außen ist keine Unterstützung zu erwarten. Genug erweitert die Ohnmacht der Umwelt noch um die Figur der Mutter des Gatten, die die Schuld für dessen Ausfälle klischeegemäß bei der Schwiegertochter sucht.

Der klaustrophobische Effekt, der aus einer solchen Situation für die Protagonistin erwächst, hätte von Drehbuchautor Nicholas Kazan und Regisseur Michael Apted genutzt werden können, um ein glaubwürdiges Psychogramm der in die Enge getriebenen Heldin Slim zu erstellen. Glaubwürdigkeit gehört nun aber mitnichten zu den Merkmalen dieses Ehe-Thrillers.

Michael Apted scheint mit Genug allzu sehr auf ein breites Publikum geschielt zu haben – zu stark hat er sich auf ein Kino der Effekte konzentriert. Die Story der geschundenen Ehefrau dient in erster Linie dem Ziel, Spannung aufzubauen, die sich am Ende schließlich in Action entlädt. Neben diesen beiden Elementen sind auch alle anderen mit einbezogen, die einen echten Unterhaltungsfilm ausmachen: Slims Neuanfang wird begleitet von einer neuen (alten) Liebe zu einem typisch liebenswerten und sanftmütigen Mann, also dem exakten Gegenpart zum bösen Ehemann. Dessen Verhalten wird im übrigen ebenso lieblos wie plakativ mit einer nicht weiter hinterfragten Machtbesessenheit begründet. Mit psychologischen Erklärungsversuchen hat man sich also gar nicht erst aufgehalten. Und die obendrein hinzugefügte Figur der niedlichen und ebenfalls gefährdeten Tochter dient nicht nur als zusätzlicher Emotionalisierungsfaktor, sondern auch als unanfechtbare Rechtfertigung für Slims Frontalangriff gegen den Peiniger am Ende des Films.

Besonders ärgerlich und bisweilen auch ziemlich albern ist die Strategie, den Zuschauer nicht visuell oder dramaturgisch, sondern mittels der Dialoge mit den psychologischen Konsequenzen der Situation zu konfrontieren. Sätze wie Slims Erklärung, ihre Tochter könne durch eine Anzeige gegen den Gatten womöglich traumatisiert werden, oder mehr noch die Feststellung der Kleinen, sie sei jetzt doch sehr traurig, nachdem sie einen Wutausbruch des Vaters mitanhören mußte, sind überflüssig und zeugen nicht gerade von einem Vertrauen in die Fähigkeit des Publikums, subtilere Botschaften wahrzunehmen. Die beklemmende Wirkung der sinnlosen Fluchtversuche des Opfers wird dadurch größtenteils zerstört.

Das Ende dann versetzt der ohnehin schon fadenscheinigen Glaubwürdigkeit und dem Anschein des Bemühens um eine differenzierte Darstellung den Todesstoß: Slim erscheint bei ihrem Rachefeldzug zunächst als weibliche MacGyver-Variante und schließlich als perfekte Nahkampfmaschine. Um ein solches Finale zu ertragen, hat man sich hoffentlich noch ein paar Krümel Popcorn aufbewahrt. 1970-01-01 01:00
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