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Der General

The General. GB 1998. R,B: John Boorman. K: Seamus Deasy. S: Ron Davis. M: Richie Buckley. D: Brendan Gleeson, Adrian Dunbar, Sean McGinley, Jon Voight u.a.
110 Min. Arthaus ab 29.7.99
Von Julian Tyrasa Mit Filmen, in denen es um die politische Situation Nordirlands geht, verbindet man hauptsächlich zwei Namen: Neil Jordan (The Crying Game) und Jim Sheridan (Im Namen des Vaters). Daß letzterer einen Gastauftritt in Der General absolviert, stellt wohl die einzige Verbindung zwischen den Filmen her, denn John Boormans Porträt des irischen Meisterdiebs und Volkshelden Martin Cahill, der 1994 erschossen wurde, geht einen ganz eigenen Weg.

Zum einen ist Der General eher eine Kriminalgeschichte als ein politischer Film, zum anderen hat ausgerechnet Boorman, dessen frühe Filme Point Blank und Beim Sterben ist jeder der Erste sich durch harte Gewaltdarstellung auszeichneten, hier eine schwebend leichte und über weite Strecken sogar poetische Inszenierung abgeliefert (von zwei äußerst brutalen Szenen abgesehen). In einer der eindrucksvollsten Szenen begleitet die Kamera Cahill bei einem seiner nächtlichen Einbrüche; sie tut dies sehr leise, beinahe zärtlich, und die wunderbare Musik von Richie Buckley unterstreicht noch die verstörend-vertraute Atmosphäre.

Überhaupt liegen die hervorstechendsten Eigenschaften des Films in seiner Musikalität (selten habe ich ein so perfektes Timing beim Zusammenspiel der einzelnen Leistungen erlebt) und in seiner Eleganz: Die wunderbaren Bilder von Seamus Deasy kombinieren auf atemberaubende Weise Schwarzweiß-Fotographie und Cinemascope-Format; die Erzählweise ist intelligent und einfallsreich, und die Darsteller agieren durchweg großartig.

Interessanterweise gerät dem Film jedoch letztlich eine seiner großen Stärken, nämlich die Lebensnähe und Authentizität, zur großen Schwäche. Daß er den Zuschauer trotz seiner überragenden Qualitäten letztlich doch unbefriedigt entläßt, liegt daran, daß er sich nicht entscheiden kann, worum es ihm eigentlich geht. Will er nur das Leben einer widersprüchlichen Persönlichkeit nachzeichnen, oder soll die Geschichte Martin Cahills sinnbildlich für die Nordirlands stehen? Betont er den Gegensatz zwischen Gut und Böse – oder ihre Ähnlichkeiten? Für welche Seite soll man Sympathie empfinden?

Der General ist in vielerlei Hinsicht umwerfend und beeindruckend, doch der Sinn seiner unparteiischen und kommentarlosen Erzählweise offenbart sich nicht vollständig und erzeugt beim Zuschauer Ratlosigkeit. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #15.
© 2012, Schnitt Online

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