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Geheimsache

Secret défense. F/CH 1998. R: Jacques Rivette. B: Pascal Bonitzer, Emmanuelle Cuau. K: William Lubtchansky. S: Nicole Lubtchansky. M: Jordi Savall. D: Sandrine Bonnaire u.a.
170 Min. Advanced ab 22.10.98
Von Thilo Wydra Sylvie (Sandrine Bonnaire) und der wesentlich jüngere Paul sind Geschwister. Was sie am stärksten zusammenzuhalten scheint, ist das Rätsel um den Tod des Vaters. Paul vertritt von jeher die Überzeugung, daß des Vaters ominöser Geschäftspartner, ein Herr Walser, dessen Mörder ist. Mit der Zeit gelingt es Paul auch, seine Schwester von seiner Theorie zu überzeugen, und als Paul urplötzlich verschwindet, da macht sich Sylvie auf, Herrn Walser mit ihren Vermutungen zu konfrontieren…

Rivette, unbestritten ein Maître der Nouvelle Vague, widmete sich zuletzt in mehrstündigen Epen der Schönen Querulantin und Johanna, der Jungfrau, nun gelangt nach dem Intermezzo Vorsicht, zerbrechlich! ein weiteres Frauen-Porträt in die Kinos, und erneut brilliert Sandrine Bonnaire in der Hauptrolle.

Geheimsache ist eine psychologische Studie, die sich alle Zeit der Welt nimmt, den scheinbar evidenten Dingen auf den Grund zu gehen. Rivette leistet sich den Luxus, etliche Einstellungsfolgen in Echtzeit zu drehen, etwa wenn Sylvie mit dem Zug zum Landsitz Walsers reist und die Kamera in einer einzigen Einstellungsgröße auf ihr verharrt. Das ist gewagt, das ist riskant, das ist verdammt kleines großes Kino.

Die Reisen Sylvies geraten zu Odysseen, die sie mit der Vergangenheit konfrontieren, die sie auch zwingen, sich mit sich selbst und ihrem Bruder zu beschäftigen. Die äußere Bewegung als Reflexion der inneren, sich ändernden Gemütsverfassung – so dauert Geheimsache auch nahezu satte drei Stunden, was womöglich das einzige Manko impliziert. Etwas gerafft würde der Spannungsbogen in keinem Moment durchhängen. Doch Monsieur Rivette verzeiht man solche Sturheit, zumal auch der Zuschauer, gemeinsam mit Sandrine Bonnaire, sich auf eine lange Reise begibt, die außerhalb von Raum und Zeit angesiedelt scheint.

Mit der Bonnaire steht und fällt denn auch der ganze Film: Die ausdrucksvollen Nahaufnahmen, die Kameramann William Lubtchansky von der Aktrice einfängt, sie spiegeln ihre ganze Anmut, ihre spröde Natürlichkeit wider, ohne daß in diesen Bildkompositionen etwas Artifizielles stilisiert wird. Sandrine Bonnaire, die kämpferische Johanna, beherrscht die Szenerie, ohne aufdringlich oder inszeniert zu wirken, sie ist einfach nur da, präsent, glaubwürdig.

Geheimsache arbeitet auf unterschiedlichen Ebenen, ist zudem noch kriminalistischer Plot, der als Aufhänger für all das dient, was sich hinter den Dingen verbirgt. Der Blick auf das Wesentliche, das ist Rivette wichtig. Auch wenn das drei Stunden dauert. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #12.
© 2012, Schnitt Online

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