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Das Geheimnis

Le Secret. F 2000. R: Virginie Wagon. B: Virginie Wagon, Erick Zonca. K: Jean-Marc Fabre. S: Yannick Kergoat. M: Mercury Rev, Chuck Berry. P: Diaphana Films. D: Anne Coesens, Michel Bompoil, Tony Todd, Quentin Rossi, Jacqueline Jehanneuf u.a.
107 Min. X Verleih ab 6.12.01

Zwischen Portrait und Melodram

Von Norbert Parzinger Es macht immer Spaß, einem Könner bei der Arbeit zuzusehen. Ein geübter Porträtzeichner braucht nicht lange, um sein Objekt zu treffen: ein paar schwungvolle Federstriche halten die groben Konturen fest, kleine Korrekturen und Ergänzungen präzisieren das Bild. Reduktion aufs Wesentliche, Überhöhung des Charakteristischen, all das passiert in den ersten Minuten; der Rest ist Ausschmückung. Und trotzdem sind alle Äußerlichkeiten nur Projektionsfläche für die innersten Eigenschaften des Porträtierten; sich an Hakennasen oder dicken Augenbrauen aufzuhängen, ist Stilmittel der Karikaturisten – oder Stolperstein der ewigen Dilettanten.

Das Geheimnis ist Virginie Wagons Regiedebüt, und wenn die ersten zehn Minuten irgendwelche Rückschlüsse zulassen, dann hat man hier einen Könner vor sich. Aus wenigen, exakt abgezirkelten Expositionsszenen entsteht das Bild der Femme mariée – Marie bei der Arbeit, Marie mit Kind und Ehemann nach Feierabend, Marie beim Tennisspielen; das ist nicht weiter kompliziert, aber mehr braucht die Filmautorin auch gar nicht, um ihre Protagonistin einzuführen. Um der treffsicheren Skizze dann noch Farbe und Leben zu verleihen, ist Anne Coesens ein Glücksgriff mit Seltenheitswert: wie sie lebt, liebt, lügt, den Kopf schüttelt, atmet, raucht, Auto fährt, ißt, egal, sie ist – Marie.

Das Porträt also ist perfekt; dann sollte wohl der Film in Gang kommen. Sollte. Die Geschichte läßt sich zunächst ganz gut an: Marie ist im Grunde durchaus zufrieden mit Job, Mann, Kind, Leben, nur irgendwie fehlt immer das letzte Zehntel. Auf alles, was den Menschen im Alltag bei Energie hält, ist jahrelang der feine Staub der Gewohnheit gerieselt. Eines Tages dann trifft sie bei der Arbeit (Lexikaverkauf, Außendienst) auf einen etwas undurchsichtigen Amerikaner, der in selbstverordneter Klausur in einem schicken Glashaus mit hohen Mauern drumherum lebt, ein kleines gelobtes Open-Plan-Living-Inselchen im ollen Vorortparis.

Maries anfängliche Abwehrhaltung weicht Faszination, man sieht sich einmal, dann nochmal, dann fast täglich; in der Umklammerung mit dem großen, schönen Fremden greift Marie nach dem, was ihr der Ehealltag nicht geben kann. Virginie Wagon strengt sich dann zusehends an, in Sachen Plastizität nicht hinter Cathérine Breillat oder Patrice Chéreau zurückzubleiben, und weil sich Anne Coesens und Tony Todd mit anstrengen, sieht das sogar überzeugend aus.

Das Stück Glück im Paradiesgarten kann natürlich nicht von Dauer sein; irgendwann weiß Maries Mann Bescheid (ebenfalls perfekt besetzt: Michel Bompoil), und die Geschichte kommt ins Rutschen. Anders als zu Marie, fällt der Autorin/Regisseurin zum nun fälligen Beziehungsdrama nämlich gar nichts ein. Nicht daß Porträt und Melodram von Natur aus unvereinbar wären, nur muß man sich an irgendeinem Punkt eben entscheiden, ob man beständig in engen und weiten Bögen um eine Person kreisen will oder ob man stringente Dramaturgie, ein paar kleine Überraschungen und ein bißchen Timing zu einer lebendigen Geschichte verbindet.

Das Geheimnis will sich nicht entscheiden; wenn der Fokus mal nicht auf Marie ist, fühlt sich die Regisseurin zwar sichtlich unwohl, wartet aber pflichtschuldig noch ein bißchen, bevor sie wieder zurückgeht. Ein bißchen erinnert die Sache an Place Vendôme: Nicole Garcia meinte, die beste Charakterrolle der gereiften Catherine Deneuve in eine Story um Verrat und Diamanten einflicken zu müssen, die so subtil und verwickelt war, daß am Ende kein Mensch mehr durchblickte. »Wunderschöner Film, lausiger Thriller«, hieß es. Virginie Wagon probiert es mit platitüdenschwangerem Standardmelodram, und das geht leider erst recht nicht gut.

Und dann riecht es auf einmal nach Nachtluft und Chlorwasser oder auch nach (unfreiwilliger?) Hommage an La Notte: Bei einer Gartenparty rund um den Swimmingpool eines befreundeten Ehepaares begegnen sich die geschiedenen Leute, Marie und François, unerwartet wieder. Sie schauen sich an; sie zögern; dann sitzen sie wieder nebeneinander, doch nicht, um in wortgewandter Fassungslosigkeit das Requiem auf ihre tote Beziehung zu sprechen. Etwas befangen sitzen sie da und wissen nicht recht, was sagen, und doch können sie sich nicht loslassen; es ist ein Wiederkennenlernen nach 12 Jahren Ehe, ein unsicheres Betasten, schließlich weiß man nicht, wie gut die Wunden verheilt sind, die man dem anderen zugefügt hat. Den Vorhang zu. Und alle Fragen, alle Kritteleien, alle Unstimmigkeiten dieses zerrissen-poetischen Debütfilms auf einmal wieder offen. 1970-01-01 01:00
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