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Geheime Wahl

Raye makhfi. IRN/I/CH 2001. R,B: Babak Payami. K: Farzad Jodat. S: Babak Karimi. M: Michael Galasso. P: Payam Films, Sharmshir, Fabrica Cinema, RAI Cinema, TSI Televisione. D: Nassim Abdi, Cyrus Abidi, Youssef Habashi, Farrokh Shojaii, Gholbahar Janghali u.a.
105 Min. Kairos ab 1.4.04

Auf Stimmenfang

Von Frank Brenner Mit einem Fallschirm wird eine klobige Kiste über der kleinen iranischen Insel abgeworfen. Ein Wachtposten nimmt sich ihrer in der Morgendämmerung an und schleppt sie unter sichtlicher Anstrengung ins Zeltlager, wo sein Kollege in einem Stockbett unter freiem Himmel schläft, bis er zur Wachablösung geweckt wird. In der Kiste befindet sich abermals eine Kiste, dieses Mal eine leichtere, aus Pappe, versehen mit einem staatlichen Siegel. Es ist eine Wahlurne, und wenig später wird mit einem kleinen Motorboot eine Wahlbeamtin im Lager eintreffen, um mit der Wache von der Tagesschicht auf eine Rundreise über die Insel aufzubrechen, um die Bewohner zwischen Wüstendühnen und Küste zur Stimmabgabe zu bewegen…wenn die Wähler nicht zur Urne kommen, kommt die Urne eben zu den Wählern.

In einem Land, in dem der überwiegende Anteil der Bevölkerung das Wort Demokratie noch nicht einmal buchstabieren kann, erscheint dieses absurde Unterfangen nur noch sinnloser. Aber Babak Payamis Film, der bereits 2001 in Venedig den Regiepreis bekam, erhebt nicht den Anspruch, ein realitätsnahes Bild der iranischen Wahlsituation zu zeichnen. Dennoch steckt in dem skurrilen Treiben, das sehr häufig an die filmischen Fantasien eines Federico Fellini erinnert, eine ganze Menge Wahrheit.

Es erscheint keinesfalls abwegig, daß eine naiv-ideologische Wahlbeamtin wie die namenlose, von Nassim Abdi verkörperte irgendwo in den Schwellen- und Entwicklungsländern dieser Welt existiert und genau auf solche Probleme stößt, wie sie dieser Film auf herrlich subtile und doch äußerst amüsante Weise vorführt. Einige können eben weder schreiben noch lesen, die meisten haben noch keinen der zur Wahl stehenden Namen jemals zuvor gehört, einige Frauen haben die Erlaubnis ihres Mannes zum wählen nicht bekommen, viele sehen überhaupt keinen persönlichen Nutzen darin, Politikern ihre Stimme zu geben, die sich um die aktuellen Probleme der Bevölkerung auf einem gottverlassenen Landstrich sowieso nicht im geringsten zu kümmern scheinen.

Payamis Film ist ein Stück bittere, wohl nur leicht überspitzte Realsatire, deren Humor sich auch immer wieder in surrealen Bildern manifestiert, die von einer vorzüglichen Kameraführung und einem denkbar effizienten Schnitt zu einem runden Filmerlebnis zusammengeführt werden. So z.B. eine rote Ampel, die einfach so mitten in der Wüste steht und den pflichtbewußten Soldaten in seinem Jeep natürlich zum Anhalten bringt, obwohl die Wahlleiterin zu diesem Zeitpunkt bereits unter großem Zeitdruck steht. Oder auch die faszinierenden Bilder der Schlußszenen, die vollkommen unerwartet sind und diese grandiose Erzählung zu einem überaus gelungenen Ausklang verhelfen. 1970-01-01 01:00
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