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Geheime Staatsaffären

L'ivresse du pouvoir. F/D 2006. R,B: Claude Chabrol. B: Odile Barski. K: Eduardo Serra. S: Monique Fardoulis. M: Matthieu Chabrol. P: Integral, Alicéléo, France 2 Cinéma, Ajoz. D: Isabelle Huppert, François Berléand, Patrick Bruel u.a.
110 Min. Concorde ab 20.7.06

Jeanne gegen Goliath

Von Lina Dinkla Das Schönste in Filmen von Chabrol ist der Moment, in dem man bemerkt, wie plastisch er eine Handlung zu entwerfen vermag und die Dinge fast haptisch zu begreifen sind. Alles ist ganz nah, den Räumen scheint gar die Tiefe zu fehlen, und manchmal meint man, wenn man nur genau genug hinschauen würde, könne man die Staubkörnchen auf dem Fenstersims erkennen. Dabei dominieren keinesfalls Detailaufnahmen, es ist eher eine rundum zu spürende Wirkung, die nicht zuletzt durch die Geräuschkulisse verstärkt wird. Allein wie Isabelle Huppert in der Rolle der Ermittlungsrichterin Jeanne Charmant Killman ihre Brille aufsetzt und man dabei das Knacken und Knistern des Kunststoffs vernimmt. Die Bewegungen und Abläufe haben auf mindestens drei filmischen Ebenen – Ton, Bild, Wort – etwas ganz und gar Bewußtes.

Einsatz und Auswahl der Musik sind ebenfalls meisterhaft angelegt und konterkarieren Bilder und Worte ganz nebenbei. Denn die Detailtreue und Genauigkeit erreicht Chabrol witzigerweise mit dem Gegenteil. Die Dinge, die doch eigentlich im Mittelpunkt stehen, werden mit gelassener Nebensächlichkeit abgehandelt, und vielleicht ist gerade dieser verschobene Fokus bei der Erfassung von Handlungsentwicklungen sein größtes Markenzeichen. Mit einer irritierenden, fast desinteressierten Lakonie überzieht Chabrol seine Filme, und so ist auch Geheime Staatsaffären in diese Stimmung getaucht. Aber natürlich ist klar: Der Schein dieses verstaubten Ambientes trügt. Alles und jeder ist hellwach, die Dialoge sind messerscharf formuliert, nichts dem Zufall überlassen. Und kein Detail sollte übersehen werden.

Daß sich Chabrol für Geheime Staatsaffären von einem Ereignis der jüngsten Geschichte Frankreichs inspirieren ließ, ist nun wiederum recht untypisch für ihn. Die Korruptionsaffäre um den Mineralölkonzern Elf Aquitaine diente ihm als Vorlage, eine allgemein gültige Aussage über die Verstrickung von Wirtschaft und Politik zu treffen, über die damit einhergehende Behinderung der Justiz und die ganz individuellen menschlichen Opfer, die dabei nicht zu vermeiden sind. Zu Beginn des Films wird schön ironisch darauf hingewiesen, daß »Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen natürlich, wie man so schön sagt, rein zufällig sind.« Einmal, um sich etwaigen Klagen zu entziehen, und dann, damit die Vorgänge zwischen den namenlosen Personen aus Wirtschaft und Politik exemplarisch für bestimmte Gesellschaftsbeziehungen stehen können. Das natürlich ist absolut Chabrol. Nicht umsonst gilt er als der große Regisseur der genauen Gesellschaftsanalyse und nimmt auch in diesem filmischen Fall eine Demontage der gehobenen Schicht des Bürgertums vor, an der er sich nun fast ein halbes Jahrhundert mit nicht enden wollendem Elan abarbeitet.

Im Mittelpunkt steht Isabelle Huppert mit ihrer »starken Zerbrechlichkeit«, wie Chabrol es selbst formuliert, und ohne die – wie er ebenfalls betont – der Film wahrscheinlich gar nicht funktioniert hätte. Und gerade diese ambivalente Charakteranlage ist perfekt, um sie mit der Rolle einer Karrierefrau zu betrauen, die sich in einer durchaus immer noch von Männern bestimmten Welt mit den ganz Großen anlegt, sich behaupten kann und dafür ihren Preis zu zahlen hat. Sie ist Jeanne, die als Ermittlungsrichterin mit dem Bestechungsskandal um ein großes Industrieunternehmen betraut ist. Obwohl sie de facto die mächtigste Person in dem gesamten Reigen von Wirtschaftbossen und ranghohen Politikern ist, ist sie äußerlich mit wenigen Insignien der Macht ausgestattet: Sie benutzt einen kleinen Nebeneingang und sitzt auf engstem Raum in einem muffigen Büro.

Jeanne vertieft sich im Laufe der Ermittlungen immer mehr in den Fall, der ihr auch medial große Aufmerksamkeit verschafft. Der Preis für diesen beruflichen Erfolg ist das langsame Entgleiten ihres Privatlebens. Allein Felix, der Neffe ihres Mannes, kann als ihr privater Konterpart fungieren. Er nimmt das Leben auf die leichte Art, schon allein, weil er nicht wie sie diesen selbstzerstörerischen Ehrgeiz verspürt. Er kann für sie zudem durch seine Herkunft aus besserem Hause Codes und Regeln der Gesellschaftsschicht deuten, in der sie ermittelt. Und am Ende muß sich für sie herausstellen, daß sie nur Teil eines Spiels war, das für sie beendet wird, als sie die Spielregeln nicht richtig interpretiert. Doch geschlagen fühlt sie sich nicht. Als Félix fragt: »Und, was machst du?«, antwortet sie ganz sachlich: »Die können mich mal.« 1970-01-01 01:00

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