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Geh und lebe

Va, vis et deviens. F/B/ISR/I 2005. R,B: Radu Mihaileanu. B: Alain-Michel Blanc. K: Rémy Chevrin. S: Catherine Le Mignant-Labye, Ludo Troch. M: Armand Amar. P: Oi Oi Oi Productions. D: Yael Abecassis, Roschdy Zem, Moshe Agazai, Moshe Abebe, Sirak M. Sarahat u.a.
144 Min. Delphi ab 6.4.06

Gelobtes Land

Von Carsten Happe Als »Undercover Jude« könnte dieser Film in der Videothek oder bei RTL 2 landen, wenn er denn Gegenstand für diese Schublade wäre, und es ist schon eine unglaubliche historische Ironie, daß jemand vorgibt, ein Jude zu sein, insbesondere im Kino, wo es unzählige Beispielfilme gibt, die gerade die gegensätzliche Verschleierung zum Thema haben. Für den neunjährigen Salomon allerdings ist es die einzige Möglichkeit, dem Elend Äthiopiens zu entfliehen. Als es dort um die Jahreswende 1984/85 zu einer Hungerkatastrophe kommt, gelangen mit Hilfe Israels und der Vereinigten Staaten im Zuge der »Operation Moses« mehrere tausend schwarze äthiopische Juden nach Israel. Salomon ist eigentlich keiner von ihnen, aber seine Mutter bläut es ihm solange ein, bis er selbst davon überzeugt ist und schließlich das rettende Flugzeug besteigen darf. Der Junge gelangt sprichwörtlich ins Gelobte Land. Dort gilt er als Waise und wird von einer sephardischen Familie, die aus Frankreich eingewandert ist, adoptiert. Eher widerwillig nennt er sich nun Schlomo und wächst in Tel Aviv auf – stets in Sorge, daß die Wahrheit ans Licht kommen und er ob seiner Lebenslüge überführt werden könnte.Das eher spröde Thema der persönlichen Identität bewegt auf mehreren Ebenen, zumal Regisseur und Autor Radu Mihaileanu sich kaum mit einfachen Antworten zufrieden gibt und ständig neue, unbequeme Fragen aufwirft. Geh und lebe begnügt sich dabei nicht mit seiner außergewöhnlichen Coming-of-Age-Story – der Film begleitet Salomon über mehr als zehn Jahre – er behandelt, beinahe im Vorbeigehen, auch Themen wie den alltäglichen Rassismus, religiösen Eifer und Culture Clashes, ohne jemals zum »Issue Movie« zu verkommen. Damit paßt er zweifelsohne ins derzeitige Klima des allgegenwärtigen politischen Kinos, das die Berlinale und die Oscars zuletzt verströmten, hinterläßt jedoch auf unangestrengte Art einen eher zeitlosen Eindruck.

Von einem, der auszog, um der Held seines eigenen Lebens zu werden – wie in John Irvings The Cider House Rules – schließt sich der Lebenskreis von Mihaileanus epischer Geschichte, als Salomon schließlich als Arzt nach Äthiopien zurückkehrt und seine Sehnsucht nach der Mutter und dem Gefühl von Heimat in einem markerschütternden Schrei herausläßt. Ob er jemals bei sich selbst ankommt, weiß nur Salomon allein. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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