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Gefühle, die man sieht

Things You Can Tell Just by Looking at Her. USA 2000. R,B: Rodrigo Garcia. K: Emmanuel Lubezki. S: Amy E. Duddleston. M: Edward Shearmur. P: Franchise Pictures. D: Glenn Close, Cameron Diaz, Calista Flockhart, Kathy Baker u.a.
109 Min. ottfilm ab 17.4.03

Noch’n Episodenfilm

Von Dietrich Brüggemann Zuweilen ist es interessant zu erfahren, was die Kinder berühmter Väter so treiben. Gabriel García Márquez etwa hat einen Sohn namens Rodrigo, und der arbeitet als Kameramann in Hollywood – hätten Sie's gewußt?

Unnützes Wissen, schon wieder veraltet, denn Rodrigo Garcia ist jetzt Regisseur, und Gefühle, die man sieht ist sein erster Film. In fünf Episoden erzählt er kleine, alltagsnahe Begebenheiten von Frauen in Los Angeles – Glenn Close spielt eine gutsituierte Dame, die ihre senile Mutter zuhause pflegt und sich von Calista Flockhart die Karten legen läßt, Holly Hunter erscheint als Bankfilialleiterin, die mit einer ungewollten Schwangerschaft und einer kontaktfreudigen Obdachlosen zu tun hat. Desweiteren sehen wir eine Kinderbuchautorin, die die Bekanntschaft des neuen Nachbarn macht, zwei junge Frauen, von denen eine im Sterben liegt, und schließlich Cameron Diaz als Blinde mit wechselnden Männerbekanntschaften.

Ein L.A.-Episodenfilm also, Teil eines Subgenres, das mit Short Cuts begann und nach einigen kleineren Filmen in Magnolia einen zweiten Höhepunkt fand. Dieser ist nun wohl eher einer der kleineren Filme, und selbst bei wohlwollender Betrachtung fragt man sich hinterher ein wenig, wozu das Ganze denn gut war. Es sind einige herausgehobene Momente, die im Gedächtnis bleiben, zum Beispiel wenn Kathy Baker als gutbürgerliche Vorstadtfrau ihren kleinwüchsigen Nachbarn in ihrem Auto mitnimmt, oder darstellerische Leistungen wie die von Cameron Diaz, deren Figur von vorgetäuschter Selbstsicherheit zu echter Trauer findet. Dazwischen wieder gepflegte Langeweile und melodramatische, aber im Grunde gänzlich undramatische Tränenseligkeit, wenn Calista Flockheart ihrer todkranken Freundin von alten Zeiten erzählt. Man kann sich diesen Film ansehen oder auch nicht. Es macht keinen Unterschied, so wie die Figuren im Film nichts erleben, sich nicht verändern, sich berühren und wieder los- und den Zuschauer kalt lassen.

Etwas gehässig ist es ja schon, andererseits aber zu verlockend, deswegen heraus damit: Gefühle, die man sieht wirkt, als wäre er nicht Debüt des Sohnes, sondern Alterswerk des Vaters, so abgeklärt und entrückt, daß ihm alles egal ist. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #30.
© 2012, Schnitt Online

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