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Die Gefangene

La Captive. F 2000. R,B: Chantal Akerman. B: Eric de Kuyper. K: Sabine Lancelin. S: Claire Atherton. P: Gemini, Arte France, Paradise. D: Sylvie Testud, Stanislas Merhar, Olivia Bonamy, Liliane Rovere, Françoise Bertin, Aurore Clément u.a.
112 Min. Alamode ab 9.5.02
Von Thomas Warnecke Vielleicht liegt der Schlüssel in dem Musikstück, mit dem Chantal Akerman gelegentlich ihren Film unterlegt: Es ist »Die Toteninsel« von Sergej Rachmaninow, der bei seiner Komposition an das gleichnamige Gemälde Arnold Böcklins gedacht hatte. Eine solche Toteninsel ist das Paris, sind die Zimmer und Flure in Die Gefangene, und auf eine solche hat sich wohl auch Ariane verflüchtigt, als sie vom nächtlichen Bad im Meer nicht mehr zurückkehrt.

Eine heilige Stille herrscht, vielleicht aber auch nur gähnende Leere. Es mag um Obsessionen gehen bei dieser Adaption von Prousts »La Prisonnière«, doch wohnt ihnen kein sichtbarer Antrieb inne: Simon will wissen, was Ariane tut, mit wem sie unterwegs war, was sie denkt, wann sie lügt und ob sie ihn liebt. Warum er das wissen will, bleibt bei Akerman sein Geheimnis. Wir sehen ihn, wie er ihr folgt, wie er ihre Freundinnen ausfragt; was er sieht, wenn er sie sieht, zeigt uns der Film nicht.

Es ist nicht das schlechteste, bei einer Literaturverfilmung vollkommen auf Psychologie zu verzichten, doch müßte diese dann durch Bewegung ersetzt werden, durch Blicke und Dinge, die den Blick gefangen nehmen. Bei Chantal Akerman bleiben nur die wohlgesetzten, aber oft viel zu thesenhaft-literarischen Worte der Dialoge. Das chronologische Abspulen einzelner (Gesprächs-) Situationen, wie sie es bei den Experimentalwerken ihrer amerikanischen Vorbilder um Jonas Mekas gesehen hat, versetzt niemanden in Spannung. Es braucht ein bißchen Wärme, damit die Kälte berührt. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #26.
© 2012, Schnitt Online

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