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Gebürtig

A/D/P 2002. R,B: Robert Schindel, Lukas Stepanik. B: Georg Stefan Troller. K: Edward Klosinski. S: Hubert Canaval. M: Peter Ponger. P: Cult-Filmproduktion, Extrafilm, DaZu Film u.a. D: Peter Simonischek, August Zirner, Daniel Olbrychski, Ruth Rieser u.a.
110 Min. RealFiction ab 22.4.04

Gegenwartsbewältigung

Von Melanie Balz Österreich, Ende der 80er Jahre – eine Zeit, als das Land mit der Waldheim-Affaire negative Schlagzeilen machte. Kurt Waldheim wurde im Juni 1986, als Kandidat der ÖVP, österreichischer Bundespräsident. Im In- und Ausland führte diese Wahl zu heftigen Kontroversen über seine Tätigkeiten während des 2. Weltkrieges. Nachgesagt wurden ihm als Wehrmachts- und SA- Offizier die Beteiligung an Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien.

Nicht die Täter und Opfer von damals stehen hier im Mittelpunkt der Erzählung, sondern deren Kinder, die zweite Generation. Es geht einmal nicht um die Bewältigung der Vergangenheit, sondern um die der Gegenwart.

Erzählt wird von dem Kabarettisten Daniel Demant, der sich in seiner Show »Mischpoche« mit der Historie seiner jüdischen Vorfahren auseinanderzusetzen versucht, von dem ebenfalls jüdischen Emigranten Herman Gebirtig, der als erfolgreicher Musicalkomponist in New York lebt und davon überzeugt ist, seine Vergangenheit und Wien lange hinter sich gelassen zu haben, und von Konrad Sachs, einem Hamburger Kulturjournalisten, Sohn eines hochrangigen KZ-Arztes. Sie alle werden von ihrer Geschichte eingeholt, als Gebirtig von der Journalistin Susanne Ressel überredet wird, sich seiner Vergangenheit zu stellen und als einziger aufzufindender Überlebender gegen einen ehemaligen KZ-Aufseher – den »Schädelknacker von Ebensee« – auszusagen.

Es ist ein Film über das Erbe der Ahnen und dessen Bewältigung vor dem Hintergrund einer niemals abgeschlossenen Vergangenheit; das zeigt schon die Wahl des Filmtitels: Gebürtig ist das deutsche Wort für die jiddische Entsprechung Gebirtig.

Die Idee, aus Schindels Debüt-Roman (1992) einen Film zu machen, entstand schon 1993. Es hätte aber wahrscheinlich ausgereicht, wenn daraus, wie ursprünglich geplant, nur ein Fernseh-Zweiteiler geworden wäre. Dennoch ein gut gemeinter, filmisch gut gemachter Versuch österreichischer Filmemacher, sich mit der Rolle ihres Landes im 2. Weltkrieg auseinanderzusetzten, der sich allerdings ein bißchen zu sehr in den pathetischen Platitüden politischer Korrektheiten verfängt. An der Wahl der Akteure und der schauspielerischen Umsetzung dieser Idee ist wiederum nichts auszusetzten. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #34.
© 2012, Schnitt Online

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