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Ganz und gar

D 2002. R: Marco Kreuzpaintner. B: Maggie Peren. K: Daniel Gottschalk. S: Dunja Campregher. P: Olga, Seven Pictures. D: David Rott, Mira Bartuschek, Hanno Koffler, Maggie Peren, Oliver Boysen, Diana Amft, Herbert Knaup, Ruth Glöss u.a.
95 Min. Constantin ab 5.6.03

Ein bißchen was bereuen

Von Frank Brenner Ein deutscher Film von einem jungen Regisseur über die Beziehungsprobleme innerhalb einer Freundesclique junger Erwachsener – da scheint jemand nach dem Kinoerfolg Nichts bereuen von Benjamin Quabeck aus dem Jahr 2001 zu schielen. Und bei genauerer Betrachtung kann man durchaus einige ästhetische Parallelen erkennen, die einen solchen Vergleich rechtfertigen und es erlauben, Marco Kreuzpaintners Erstlingswerk in einem Atemzug mit Quabecks Film zu nennen.

Anstelle von Wuppertal bietet hier die havelländische Kleinstadt Nauen den Background für die dramatischen Ereignisse um Torge und seine Freunde. Der Protagonist ist ein gutaussehender Zimmermann, dem die Herzen der Frauen mit Leichtigkeit zufliegen und der das Leben in vollen Zügen genießt, bis er bei einem Arbeitsunfall ein Bein verliert. Die veränderte Situation stellt die Freunde auf der Schwelle zum Seßhaftwerden vor einschneidende Bewährungsproben.

Kreuzpaintner hat mit seinem ersten Kinofilm hier den Beweis angetreten, daß er sein Handwerk versteht. Ganz und gar ist dicht und flott in Szene gesetzt, strahlt durchweg eine handwerkliche Professionalität aus und hätte durchaus das Potential zu einem weiteren deutschen Kinohit fürs anspruchsvollere junge Publikum. Doch das Drehbuch läßt sich im Laufe der Handlung immer mehr auf stereotype Konstellationen ein, die dem Film insgesamt schaden.

Daß die wahre Liebe des Protagonisten auf einer Lüge aufgebaut ist, was zum ungünstigsten Zeitpunkt ans Tageslicht kommt, wird in jeder mittelmäßigen Boulevardkomödie oder jedem durchschnittlichen Fernsehfilm ebenfalls durchexerziert. Daß Maggie Peren dann auch noch die skurrile, liebgewonnene Nebenfigur den Löffel abgeben läßt und somit die Vorahnungen des Zuschauers aufs Neue bestätigt, ist schon richtig ärgerlich.

An solchen Stellen fragt man sich wohl zurecht, ob Ganz und gar nicht besser im Fernsehen aufgehoben wäre. Aber der Film lebt und zehrt von seinen frischen und unverbrauchten Hauptdarstellern, die so manches Drehbuchklischee mit ihrem Charme problemlos zu überspielen verstehen.

An der Schauspielerführung läßt sich wiederum ebenfalls Kreuzpaintners Inszenierungstalent aufweisen. Er läßt David Rott, Mira Bartuschek und Hanno Koffler, die das Ensemble dominieren, keinerlei Mätzchen durchgehen, sondern schafft es, daß sie das Beste aus ihren Rollen herausholen und durchweg glaubwürdig bleiben. An einigen Stellen wirkt ihr Spiel dermaßen authentisch, daß man das Fiktive daran zu vergessen beginnt.

Alfred Hitchcock hat einmal gesagt, daß man aus einem guten Drehbuch nur schwer einen schlechten Film machen kann, daß aber aus einem schlechten Drehbuch kaum ein guter Film werden kann. Bei Ganz und gar kommt das Drehbuch nur selten über das Mittelmaß hinaus – der Film jedoch versteht es trotzdem, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Man darf gespannt sein, was man von Marco Kreuzpaintner in Zukunft noch zu hören und zu sehen bekommt. 1970-01-01 01:00
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