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Gangs of New York

USA/D/I/GB/NL 2002. R: Martin Scorsese. B: Jay Cocks, Steven Zaillian, Kenneth Lonergan. K: Michael Ballhaus. S: Thelma Schoonmaker. M: Howard Shore. P: Splendid Medien. D: Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, Jim Broadbent u.a.
166 Min. Fox ab 20.2.03

These Are the Hands that Built America

Von Sascha Seiler Während Martin Scorsese am Fuße des Hudson die Skyline von New York im Zeitraffer vor dem Auge des Zuschauers sich langsam aufbauen läßt und 200 Jahre amerikanische Geschichte symbolisch nachbaut, erklingen die süßlichen Klänge von U2s »The Hands that Built America«. Als letzter Mosaikstein erhebt sich das World Trade Center in den Himmel Amerikas, und gerade als der Zuschauer sich einem Anfall von zeitgemäßem Patriotismus ausgesetzt sieht, endet der Film – und zwar ohne die fast mythische Zerstörung der mittlerweile heilig gesprochenen Türme. Ist das ein zeitliches Problem – als man anfing, Gangs of New York zu drehen, war die Welt auch noch eine andere, und der Film wurde ja auch ein ganzes Jahr lang geschnitten – oder negiert Scorsese das wichtigste einzelne Ereignis amerikanischer Geschichte, indem er dieser Episode keinen Eintritt in seinen künstlichen New Yorker Mikrokosmos gewährt?

Editorin Thelma Schumacher hat aus einer nur zu erahnenden Fülle von Material einen kohärenten, auf der narrativen Ebene fast schon zu glatten Erzählfluß gebastelt, was vor allem deswegen erstaunlich ist, weil im Vorfeld gehäuft zu lesen war, den Zuschauer erwarte ein konsequent zusammenhangloses, mit surrealen Nuancen gespicktes Historiendrama. Dramaturgische Schwächen sind allerdings vor allem der kommerziell gerade noch gestatteten Länge, bzw. Kürze von 160 Minuten geschuldet, die opernhafte Inszenierung verpaßt das Wagnerianische vor allem aufgrund der standardisierten Schauspielleistungen und der oft zu konservativ-kommerziellen Dramaturgie.

Viel wurde schon im Vorfeld über die schauspielerische Klasse gesprochen, mit der Daniel Day-Lewis Bill the Butcher spielt (wahr), und über die peinliche Leistung DiCaprios (auch wahr), und doch ist man schockiert, daß ein Film, der beinahe zum kinematographischen Äquivalent einer Opernarie geworden wäre, ein solch schockierendes Ausmaß an biederem Mainstream bietet. Das voreilig als Plot deklarierte klischeehafte Rachedrama ist in seiner Vorhersehbarkeit unerträglich und die von DiCaprio und Cameron Diaz dargestellten Charaktere zweidimensionaler als in jedem TV-Movie.

Und doch gibt es neben der faszinierenden Ausstattung/Bühnenbild eine Sache, die Gangs of New York zu einem monumentalen, einzigartigen Ereignis macht: Es ist ein latenter Anti-Amerikanismus auszumachen, der manchmal subtil, manchmal plakativ eingesetzt, die Stimmung des gesamten Films bestimmt und das würdelose Rachedrama in einem anderen Licht erscheinen läßt. Der Einsatz dieses anfangs erwähnten U2-Songs ist reine Ironie: Scorsese mißbraucht das Pathos nicht, um in den Chor jener einzusteigen, welche die demokratischen Grundfeste bejubeln, auf denen Amerika gebaut wurde. Er zeigt, umrahmt von einer sarkastischen Relativierung pathetischer Momente, daß Amerikas Fundament aus nichts anderem als Blut und Bigotterie besteht. Das Blut, das an den Händen klebt, die einst das Fundament der amerikanischen Demokratie legten. 1970-01-01 01:00
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