— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Gabrielle – Liebe meines Lebens

Gabrielle. F/I/D 2005. R: Patrice Chéreau. B: Anne-Louise Trividic. K: Eric Gautier. S: François Gédigier. M: Fabio Vacchi. P: Network Movie u.a. D: Isabelle Huppert, Pascal Greggory, Claudia Coli, Thierry Hancisse u.a.
90 Min. Concorde ab 12.1.06

Szenen einer Ehe

Von Daniel Albers Paris im Jahre 1912. Eine prunkvolle, großbürgerliche Villa – leer und gleichzeitig voller Kälte, trotz der Gastmahle, die der Hausherr Jean Hervey und seine Gattin Gabrielle regelmäßig veranstalten. In den Gesprächen, die geführt werden, ob zwischen dem Gastgeberehepaar oder unter den geladenen Gästen, fällt jedes Wort mit Bedacht, unterliegt strenger Etikette. Das, was zunächst aus dem »perfekten« Leben der beiden zu erfahren ist, ist in tristem Schwarzweiß bebildert. Doch plötzlich ist in ihrer zehnjährigen Ehe nichts mehr, wie es immer war: Jean findet eines Tages nach seiner Ankunft einen Brief seiner Frau auf ihrem Sekretär, in dem sie ihm mitteilt, sie habe ihn für einen anderen Mann verlassen. Er scheint zum ersten Mal in seinem Leben seine Fassung zu verlieren: Die Whiskyflasche, die er sich genötigt sieht zu öffnen, fällt ihm aus den zittrigen Händen. Wechsel hin zu Farbe. Die schwarzweiße Kälte ist für einen Augenblick aufgehoben. Es klingelt, ein Dienstmädchen öffnet, und Madame tritt ein. Sie sagt, sie habe ihre Entscheidung revidiert und hätte doch lieber, daß alles so bleibt, wie es war. Doch die Grenzen des Vorstellbaren sind für Jean zu radikal überschritten worden, als daß noch irgend etwas rückgängig zu machen wäre.

In dem radikalen Kammerspiel, das nun seinen weiteren Verlauf nimmt und das sich in beinahe vollständiger Einheit von Raum und Zeit fast nur noch zwischen den beiden Hauptfiguren entspinnt, sezieren Dialoge wie Messerstiche die ganze Farce, die sich nach außen hin so lange als eine ideale, glückliche Ehe dargestellt hat. Chéreaus Metier, die Nacktheit, die er in Intimacy und Son frère rein bildlich auf die Spitze getrieben hat, offenbart sich hier »lediglich« psychologisch. Die Beziehung von Jean und Gabrielle wird in deren schonungslosen Gesprächen endlich, so möchte man sagen, bloßgelegt, bis schließlich die ganze Leere ihres Ehelebens vor ihnen klafft. Die an Kluge oder auch Godard erinnernden artifizialisierenden Zwischentitel, mit denen Chéreau einzelnen Aussagen dabei eine herausgehobene Bedeutung gibt, passen in ihrer Sprödheit in die Welt der Herveys, in der die Form alles ist, der Inhalt – ein auch emotional reiches Leben – nichts. Gabrielles zentraler Satz »Wenn ich gewußt hätte, daß Sie mich lieben, wäre ich nie zurückgekommen« beinhaltet die Essenz dieser psychologisch doch ziemlich harten Kost: Von Liebe war in ihrer Upper Class-Ehe nie die Rede gewesen. Gabrielle hatte lediglich die passende Herkunft, Statur und die angemessenen Sitten, um ihm, Jean, dem angesehenen und stolzen Bourgeois, zu genügen. Jetzt jedoch, wo das Unmögliche passiert ist, hat Jean seine Leidenschaft für Gabrielle entdeckt. Er wird von rasender Eifersucht gepackt und kann Gabrielles Wunsch, zum Altgewohnten zurückzukehren, nicht nachgeben. Nun ist nicht mehr er derjenige, der die größte Gefühlskälte aufweist, sondern Gabrielle in ihrer wiedererlangten Gleichgültigkeit ihrem eigenen Leben gegenüber.

So voller Aktualität der Stoff von Gabrielle auch durchaus ist: Chéreaus Film weiß wegen seines dramaturgischen Minimalismus leider nicht über die ganze Länge zu fesseln und somit letztendlich auch nicht vollends zu überzeugen. Und auch die überaus intensive Darbietung der beiden Hauptdarsteller Pascal Greggory und Isabelle Huppert ändert nichts daran, daß aus der Grundkonstellation eindeutig mehr Spannung hätte herausgeholt werden können. Chéreau nutzt den Mehrwert des Kinos im Vergleich zu seiner unschwer zu erkennenden künstlerischen Heimat, dem Theater, trotz sichtlichen Bemühens nicht genügend aus. So verpufft z.B. sein anfangs vielversprechendes Konzept, mit der wechselnden Verwendung von schwarzweißem und farbigem Filmmaterial die Entwicklung der Charaktere auch visuell zu unterstützen und damit eine zusätzliche Aussage zu transportieren, im Verlauf des Films im Nichts. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap