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Fünf Uhr am Nachmittag

Panj é asr. IR/F 2003. R,B: Samira Makhmalbaf. B,S: Mohsen Makhmalbaf. K: Ebrahim Ghafouri. M: Mohamad Reza Darvishi. P: Makhmalbaf Film House u.a. D: Agheleh Rezaïe, Abdolgani Yousefrazi u.a.
105 Min. Alamode ab 1.7.04

Didaktische Kopfgeburt

Von Thomas Warnecke Seit dem Sturz des Taliban-Regimes dürfen in Afghanistan auch Mädchen zur Schule gehen. Theoretisch zumindest: Noqreh kann sie nur heimlich besuchen, denn ihr Vater, der Kabul angesichts unverhüllt herumlaufender Frauen für gottlos hält, würde ihr das nie erlauben – erst recht nicht in den weißen Pumps, in die sie schlüpft, sobald er mit seinem Eselskarren außer Sicht ist.

Auch in den bisherigen Filmen Samira Makhmalbafs ging es um Bildung als Chance für eine bessere Zukunft, doch sind die Protagonisten schon an weit alltäglicheren Problemen gescheitert: Die Lehrerin in Makhmalbafs Beitrag zum Episodenfilm 11'09''01 konnte den Kindern nicht erklären, was da in New York passiert war, und die Lehrer in Schwarze Tafeln fanden gar nicht erst irgendwelche Kinder, die sich was erklären lassen wollen.

Fünf Uhr am Nachmittag ist offensichtlich eine didaktische Kopfgeburt: Flüchtlingsprobleme, die Frau in der islamischen Gesellschaft, weltanschauliche Orientierungslosigkeit und das alltägliche Chaos in einem ausgebombten Land – der Film wird damit beworben, der erste seit dem Sturz der Taliban in Afghanistan gedrehte zu sein, und die Regisseurin und ihr Vater haben möglichst alles, was es ihrer Meinung nach aus diesem Land zu erzählen gibt, in ihren Film hineingepackt, als ob es der bleiben sollte, mit dem alles gesagt wäre. Gerade diese Beflissenheit aber macht die Naivität der Hauptfigur schwer erträglich.

Und dann läuft ihr auch noch ein Flüchtling hinterher, der sich als Dichter ausgibt und ein paar Verse aus García Lorcas »Llanto por Ignacio Sanchez Mejias« rezitiert – vielleicht, damit der Film zu seinem Titel kommt, ein Köder für das erhoffte gebildete westliche Publikum. Hin und wieder gibt es Einstellungen, die ohne Geschwätzigkeit von der Wirklichkeit Afghanistans erzählen; doch mit zunehmender Laufzeit verstärkt sich der Eindruck, hier wird politisch korrektes World-Cinema betrieben: Postkartenmotive für den Eine-Welt-Kalender. Wer sich an Schwarze Tafeln erinnert, wird enttäuscht sein, daß die reiche visuelle Ausdruckskraft der Regisseurin sich hier in Gefälligkeiten erschöpft.

Bis zu seiner Absetzung war Reza, die Eidechse von Kamal Tabrizi der Hit in den iranischen Kinos, ein Film über einen Dieb, der im Mullahkostüm provokante Wahrheiten verbreitet. Dieser Film sollte den Weg in unsere Kinos finden: Ein Komödienerfolg wäre jetzt genau das Richtige fürs iranische Kino. Und fürs Weltkino auch. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #35.
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