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Führer Ex

D 2002. R,B: Winfried Bonengel. B: Douglas Graham, Ingo Hasselbach. K: Frank Barbian. M: Loek Dikker. S: Monika Schindler. P: Next Film. D: Christian Blümel, Aaron Hildbrandt, Jule Flierl u.a.
107 Min. Tobis ab 5.12.02
Von Sascha Seiler Nachdem Winfried Bonengel sich jahrelang Dokumentationen über die deutsche Neonaziszene widmete, versucht er nun, sein Sujet auf das Terrain des Spielfilms zu verlegen. Das Thema bleibt dasselbe, nur die Umsetzung ist eine andere, und das liegt nicht ausschließlich an der Spielfilmästhetik, sondern an der Art und Weise, in der Bonengel dem Thema Spannung, Pathos und einen Hauch von Tragik abzugewinnen trachtet.

Nur: Inwieweit kann das noch sozialer Kommentar sein? Wo setzt man die Grenzen zwischen dem Erzeugen von Spannung und der intendierten kritischen Distanz? Und vor allem: Wie kann man die dargestellte Nazi-Ästhetik immanent noch als Kritik und nicht als Affirmation verkaufen, ohne damit in Platitüden zu verfallen? Einen Affront gegen die ästhetischen Gewohnheiten des Publikums, die immer auf ein nicht näher definiertes »dagegen« hinauslaufen, leistet sich Bonengel, anders als etwa vor einigen Jahren noch American History X, leider nicht. Im Gegenteil: Das dialektische Verhältnis von Gut und Böse wird überbetont, auch wenn die Nenner sich stets verschieben und die Grenzen sich zwischen Neonazi-Denken und DDR-Regime zusehends auflösen. Doch nie wird die zwischenzeitlich aufkeimende Sympathie für das Böse in Gestalt der Nazis aufrecht erhalten, immer wieder zertrümmert der Regisseur jeglichen Anflug von Parteinahme – außer natürlich für seine Protagonisten, die sich als Opfer sowohl von Regime als auch von Regimekritik in einem Niemandsland aus Gewalt und Rachsucht wiederfinden. Was soll hier eigentlich kritisiert werden? Die DDR, die Neonazis oder etwa sogar die Wende?

Als Knast-Thriller funktioniert Führer Ex erstaunlich gut, da alle Klischees gut umgesetzt werden und Bonengel es versteht, Spannung zu erzeugen, ohne allzu stark zu belehren. Problematisch ist dabei eben nur, daß die sozialkritische Aussage vollkommen in den Hintergrund gerät. Man sollte dem Film allerdings zugute halten, daß er Grenzen sprengt, indem er nicht auf brutale Gewaltdarstellungen verzichtet und sowohl den Knastalltag als auch das gefährliche Leben unter den Skinheads mit einer oft unerträglichen Nähe darstellt. Am Ende gibt es nur Verlierer, und liest man den Film als Chronik einer Freundschaft, und nicht als Fallstudie, erkennt man langsam, welche Art von Gesellschaftskritik Bonengel eigentlich intendiert hat. 1970-01-01 01:00
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