— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Frühling im Herbst

Babí Léto. CZ 2001. R: Vladimír Michálek. B: Jirí Hubac. K: Martin Strba. S: Jirí Brozek. M: Michal Lorenc. P: BKP Film, Buc-Film. D: Vlastímil Brodsky, Stella Zázvorková, Stanislav Zindulka, Ondrej Vetchy, Jirí Lábus u.a.
98 Min. MFA ab 29.1.04

Schöner altern

Von Frank Brenner Die Rolle seines Lebens spielte Vlastimil Brodský 1974 in dem einzigen Film der DDR, der jemals für den Oscar als beste ausländische Produktion nominiert wurde: Jakob der Lügner. In diesem überaus poetischen und menschlichen Drama, das in einem von Nazis besetzten jüdischen Ghetto im Jahr 1943 spielt, schwindelt Jakob seinen Freunden und Nachbarn vor, er hätte unerlaubterweise ein Radio und wisse deshalb von der baldigen Befreiung durch die Rote Armee. Lügen für die Hoffnung, Lügen für das Überleben. Das Schicksal hat es gewollt, daß Brodský in seiner letzten Rolle eine ganz ähnliche Figur verkörpert. Kurz nach der tschechischen Premiere des Films und seiner Auszeichnung mit dem renommierten tschechischen Filmrpeis beging er Selbstmord.

Frantisek Hána, genannt Fanda, ist auch ein Meister der Lüge und des Betrugs. Zusammen mit seinem besten Freund gibt er sich schon mal als millionenschwerer Star der Metropolitan Opera aus, um auf Kosten des Immobilienmaklers Landschlösser zu besichtigen – potentielle »Kaufobjekte«. Oder die beiden geben sich in der Prager U-Bahn als Fahrkartenkontrolleure aus, um, wenn schon nicht das Verwarnungsgeld, so doch wenigstens ein paar Küsse von den jungen Schwarzfahrerinnen zu kassieren.

Diese Lügen dienen dem gleichen Zweck wie die des Jakob Heym: der Hoffnung und dem Überleben. Sie sind das einzige, was dem 80jährigen Mann noch ein wenig Spaß am Leben bereitet, da es ihm nicht genügt, seine Zeit und sein Geld wie seine Frau in die detaillierte und fast schon manische Vorbereitung der eigenen Beerdigungsrituale zu investieren. Vladimír Micháleks Film widmet sich dem Schicksal alter Menschen in der heutigen Gesellschaft, für die häufig weder ein Platz noch eine Funktion geblieben zu sein scheinen.

Das Ergebnis ist aber keinesfalls depressiv oder gar rührselig, sondern ein erfrischender Alte-Leute-Film mit viel skurrilem bis makabren Witz. Dabei begeht er auch nie den Fehler, ins Klamaukhafte abzugleiten, sondern überrascht den Zuschauer immer wieder durch kleine, fast schon improvisiert wirkende Momente voller Herz und Natürlichkeit. Michálek weiß auch um das Talent und die Leinwandpräsenz seiner drei altgedienter Film- und Fernsehstars und läßt die Kamera oft ausdauernd auf ihren von vielen Lebensjahren geprägten Gesichtern ruhen. Ein Plädoyer für die Schönheit des Alters, für Lebensfreude und dafür, sich nicht vom Leben unterkriegen zu lassen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #33.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap