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Friends with Money

USA 2006. R,B: Nicole Holofcener. K: Terry Stacey. S: Robert Frazen. M: Ricky Lee Jones, Craig Richey, Deb Talan, Steve Tannen. P: This Is That productions. D: Jennifer Aniston, Frances McDormand, Joan Cusack, Catherine Keener u.a.
88 Min. Sony Pictures ab 7.9.06

Der kleine Frust

Von Jutta Klocke Das Leben der reichen kalifornischen Mittvierziger ist ein langer ruhiger Fluß. Zumindest an der Oberfläche. Ein Bummel über den Bauernmarkt, ein Mittagessen im hippen Vegetarierladen – man ist schließlich mit einem kritischen Bewußtsein ausgestattet. Und wenn Franny und Matt beim Restaurantbesuch im Kreis der Freunde überlegen, welchem guten Zweck sie nun die nächsten Millionen spenden könnten, zeigt sich wohl, daß all diese kleinen Zeitvertreibe zwar ein bißchen extravaganter sind als gewöhnlich, daß sie aber dennoch nur das Alltagseinerlei skizzieren, mit dem es sich zu arrangieren gilt, nachdem der Platz im Leben gefunden scheint.

Bei solch verdächtig glatten Wogen mag der sozialdramengeprüfte Zuschauer schon das Brodeln der darunterliegenden menschlichen Abgründe spüren, aber er wird getäuscht. Der Ruhe folgt kein Sturm, der erwartete entlarvende Blick auf wahrhaft schockierende Grausamkeiten und Wunden hinter der schillernden Fassade bleibt ebenso aus wie überhaupt erst der Entwurf eines solchen.

Nicole Holofcener begegnet ihren Figuren ohne Zynismus; die Ängste und Probleme der Friends with Money bleiben so profan (zwischen)menschlich wie die der weniger Betuchten. So beginnt etwa die in Gewohnheit erstarrte Ehe der Drehbuchautoren Christine und David passend zum Baubeginn eines zusätzlichen Stockwerks mit Blick aufs Meer zu bröckeln. Ausgerechnet zwischen den beiden, die im gemeinsamen Arbeitszimmer um aussagekräftige Dialoge anderer ringen, hapert es an der Kommunikation.

Olivia hingegen steht als einzige der vier Frauen ohne Partner, Geld oder erfüllenden Job da. Daß sie, als Putzfrau und unglücklicher Single nicht nur von außen betrachtet das trostloseste Leben fristet, während etwa Franny als wohlhabende Hausfrau mit funktionierender Ehe kein Wässerchen trüben kann, ist nur eines von vielen Beispielen, in denen sich zeigt, wie wenig sich Holofcener vor der Verwendung von Klischees scheut, ohne ihnen zu verfallen.

Wo eine Ehekrise und die Orientierungslosigkeit einer noch nirgends Angekommenen die vornehmlichen Handlungskomponenten bilden, passiert nicht besonders viel und nicht viel besonders Spektakuläres. Was dem diesjährigen Sundance-Eröffnungsfilm bisweilen gern zum Vorwurf gemacht wird, macht aber gerade seinen Charme aus. Die Erzählung bleibt selbstbewußt im Hier und Jetzt und folgt damit nur konsequent der egozentrischen Wahrnehmung der Protagonisten. Die Frage etwa, wie die Beziehungen zwischen solch unterschiedlichen Charakteren entstehen konnten, wird von Franny mit der Vermutung abgeschmettert, daß man, würde man sich erst im gegenwärtigen Lebensabschnitt kennenlernen, wohl nicht miteinander befreundet sei. Warum das so ist und wie es soweit kommen konnte, bleibt unerklärt, weil im Grunde ja auch unerklärlich.

Wo andere Ensemblefilme wie The Big Chill oder Les invasions barbares das Schwelgen im Gestern zum inhaltlichen Konzept erheben und damit auch die Entwicklung einer Generation porträtieren, bleibt Friends with Money bewußt auf der Ebene des Persönlichen. Herleitungen aus größeren Zusammenhängen spielen für Holofcener keine Rolle; um so genauer ist dafür ihre Beobachtung all der kleinen Momente, die in ihrer Summe eine ziemlich genaue Vorstellung vom inneren Zustand der Figuren geben. Und so wie das Leben in Nichtigkeiten daherplätschert und dabei hin und wieder mit kleineren oder größeren Katastrophen aufwartet, so locker und vom übermäßigen Drang nach einem Höhepunkt befreit reihen sich auch die Szenen des Films aneinander. Am Ende sitzen wie zu Beginn sieben Personen am reservierten Restauranttisch. Daß es nicht dieselben sieben sind wie zuvor, scheint unwichtig – das Leben geht eben weiter.

Das fließende Moment gibt dem Ganzen eher den Anstrich einer Serie – und das ist in diesem Fall keinesfalls negativ gemeint. Wie man etwa Ende der 80er eine Handvoll Freunde bei nichts anderem als dem Versuch, ihr »thirtysomething«-Dasein zu meistern, begleiten konnte, hätte man gern auch hier noch länger an dem normal chaotischen Leben der Protagonisten teilgenommen. Auch wenn das ein Mit-Leiden nicht ausschließt, was mitunter durchaus auch seine (tragi-)komischen Seiten haben kann, wie bei der an der allgemein fehlenden Rücksichtnahme dieser Welt verzweifelten und von Frances McDormand herrlich zerrüttet gespielten Jane. Wer sich Morgen für Morgen aus der U-Bahn zwängen muß und dabei von anstandslosen Neueinsteigern fast zu Tode gedrängelt wird, kann nach dem Film zumindest etwas hoffnungsvoller zur Haltestelle stapfen – in der beruhigenden Gewißheit, daß man sein Schicksal nicht alleine trägt. 1970-01-01 01:00
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