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Freunde

D 2000. R,B: Martin Eigler. B: Sönke Lars Neuwöhner. K: Michael Mieke. S: Dirk Grau. M: Johannes Kobilke, Moe Jaksch, Tom Reiss. P: moneypenny. D: Benno Fürmann, Erdal Yildiz, Christiane Paul, Erhan Emre, Michael Gwisdek u.a.
100 Min. zoomfilm.de ab 22.2.01
Von Carsten Tritt Es ist Herbst, und die dicken Pullover, die Christiane Pauls Charakter trägt, sollen wohl nicht nur vor der klimatischen Kälte schützen. In solchen Zeiten hat man Freunde nötig, auf die man sich verlassen kann. Die Freunde, das sind der Polizist Nils und der Barbesitzer Tayfun, die eigentlich trotz gemeinsamer Jugend im Kiez nichts mehr miteinander zu tun haben wollen.

Aber man kann sich seine Freunde entgegen weit verbreiteter Meinung eben nicht aussuchen, und so gerät Nils nach einer unüberlegten Hilfeleistung an Tayfun mit dem Gesetz in Konflikt, wird von seinem Chef erpreßt, als verdeckter Ermittler in Tayfuns Umfeld einzutauchen, und muß herausfinden, daß auch der Freund tief in illegale Geschäfte involviert ist.

Eigler leitet sein Erstlingswerk überraschend routiniert, dabei aber ausgesprochen zurückhaltend. Seine Regie ist nicht Selbstinszenierung, sondern unterstreicht die verschiedenen Handlungscharaktere, die im Zentrum des Films stehen, ohne dabei Wert auf Effekte zu legen. Beachtlich ist, wie gut Eigler seine Figuren – auch die Nebencharaktere – kennt und wie er ihre inneren Konflikte auch dem Zuschauer zu vermitteln vermag; die mäßig originelle Genregeschichte dient ihm da bloß als Aufhänger. Er und sein Cutter Dirk Grau haben genau das richtige Gespür für das Tempo und wissen die rechte Pause zu setzen, in der sie die Figuren noch vor den entscheidenden Dialogen Kaffee holen lassen können, ohne daß es langatmig wird.

Überhaupt die Dialoge: Zwar klingeln oft irgendwelche Handys, aber wenn man sich wirklich etwas zu sagen hat, so macht man das bei Eigler persönlich, selbst wenn es nur um zwei Sätze geht. Es kommt somit zu einem wunderbaren Zusammenspiel zwischen Fürmann, der den zwischen Ehrgefühl und eigenem Überlebenswillen strauchelnden Nils spielt, und Yildiz als milieuverbundenen Tayfun. Sogar die sonst oft nervende Christiane Paul als Dritte im Bunde ist dabei so gut inszeniert, wie schon seit Beckers Baustelle nicht mehr.

Der Höhepunkt des Films dann, wenn sich alle drei in einem Raum einfinden und der Untergang des einen unvermeidlich ist: Hier hat man sich eigentlich nichts mehr zu sagen, will sich aber auch nichts mehr sagen. Ein großartiger Schluß, und daß der Film dann doch genau eine Minute zu lang ist und dem inneren Showdown nun noch eine albern melodramatische Katastrophe zu Nils' Ehrenrettung folgen muß, wollen wir hier lieber vergessen. Denn selbst dies kann eine wunderbare Charakterstudie, wie man sie sonst im deutschen Kino leider nur selten zu sehen bekommt, nicht abwerten. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #21.
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