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Fremde Haut

D/A 2005. R,B: Angelina Maccarone. B,K: Judith Kaufmann. S: Bettina Böhler. M: Hartmut Ewert, Jacob Hansonis. P: MMM. D: Jasmin Tabatabai, Anneke Kim Sarnau, Hinnerk Schönemann, Simon Schwarz u.a.
100 Min. Ventura ab 20.10.05

Eine Fremde in der eigenen Haut

Von Ekaterina Vassilieva-Ostrovskaja Die Iranerin Fariba hat sich in ihrer Heimat daran gewöhnt, ihren Körper zu verhüllen, obwohl die strenge religiöse Moral der selbsbewußt wirkenden Frau nur wenig zusagt. Sie steht hinter ihrer lesbischen Sexualität, auch wenn sie im Iran nicht offen ausgelebt werden darf. Eine aufgeflogene Affäre, die sie massiven Verfolgungen aussetzt, treibt Fariba schließlich nach Deutschland, wo sie Asyl beantragt. Die Bilder, die Fariba im Gespräch mit dem Grenzbeamten am Flüghafen oder im Übergangslager mit anderen Asylsuchenden zeigen, sind die besten im Film und erzeugen in ihrer kühlen, fast dokumentarischen Tonart eine höchst beunruhigende Atmosphäre.

Das gespannte Warten auf den Entschluß, das Bangen vor jeder Tür, hinter der vielleicht gerade das eigene Schicksal besiegelt wird, sind charakteristisch für diese Welt, die sich buchstäblich in einer Grenzzone befindet. In seiner Verzweiflung nimmt sich einer der Asylanwärter, der politisch verfolgte Siamak, das Leben, kurz bevor die Nachricht ankommt, daß er vorläufig in Deutschland bleiben darf. Fariba, deren Antrag gerade abgelehnt wurde, nimmt kurzentschlossen seine Identität an und begibt sich, als Mann verkleidet, in das ihr zugewiesene Asylbewerberheim in der schwäbischen Provinz. Diese notgedrungene Travestie ist für Fariba eine schwere Last, denn sie muß in eine »fremde Haut« schlüpfen und ihren erst neulich vom Schleier befreiten (weiblichen) Körper schon wieder verstecken.

Aber dieser Rollenwechsel scheint auch einen befreienden Effekt zu haben, denn die neue (männliche) Identität kommt paradoxerweise gewissen Facetten von Faribas Persönlichkeit entgegen, die keinesfalls in ein klassiches Frauenbild hineinpaßt. So findet sie schneller den Job in einer Sauerkrautfabrik, der zwar illegal und mit schwerer körperlichen Arbeit verbunden ist, aber immerhin Geld bringt, mit dem sie ihr Schicksal in den Griff zu bekommen hofft. Als Mann kann sie auch eher mit der Aufmerksamkeit anderer Frauen rechnen, die mit den Annäherungsversuchen der Kollegin Anne nicht lange auf sich warten läßt…

Wie souverän die Regisseurin Angelina Maccarone die düstere Welt der Übergangslager und Asylbewerberheime inszeniert, so schnell gleiten die Bilder, die sie von der deutschen Provinz entwirft, in die Banalität ab. Die auf dem Mofa durch die Gegend rasende Landsfrau mit Ausbruchsphantasien sowie beim Bier ihre Beziehungsprobleme besprechende Männer fügen sich nahtlos in jene Ikonographie ein, die sich schon in etlichen Fernsehefilmen aus dem Provinzleben etabliert hat. Obwohl auch die Dorfszenen überzeugend gespielt sind, fehlt ihnen die dramaturgische Tiefe, die die Eröffnungssequenz am Flughafen auszeichnet.

Auch die Liebesgesichte zwischen Fariba und Anne bleibt altbewährten melodramatischen Mustern treu und fällt dementsprechend eher blaß aus. Trotzdem ist die Figur der lesbischen Iranerin, die von Jasmin Tabatabai hervorragend verkörpert wird, für sich genommen interessant, zeigt sie uns doch einen Menschen, der sich auf eine komplizierte Reise zwischen Kulturen und Identitäten begibt, ohne Hoffnung, jemals wirklich bei sich anzukommen. 1970-01-01 01:00
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