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Die Frau des Leuchtturmwärters

L' equipier. F 2004. R,B: Philippe Lioret. B: Emmanuel Courcol, Christian Sinniger. K. Patrick Blossier. S. Mireille Leroy. M: Nicola Piovani. P: Nord-Ouest. D: Sandrine Bonnaire, Philippe Torreton, Gregori Derangere, Emilie Dequenne, Anne Consigny u.a.
105 Min. Arsenal ab 16.6.05

Stadt, Land, Fisch

Von Barbara Canton Wo man auch hinguckt, da kehren erfolgreiche junge Wahlstädterinnen auf der Leinwand in ihr Heimatdorf zurück. Meist tun sie dies unfreiwillig und mit dem festen Vorsatz, so schnell wie möglich ins richtige Leben, die Stadt also, zurückzukehren. Allein, zurück in ihr altes Leben hat noch keine von ihnen ungeläutert gefunden. Irgendwo zwischen Kuhmist und der obligatorischen (stets noch immer ledigen) Jugendliebe entdecken sie ganz unvermittelt, daß das Wohnen auf dem Lande die einzige lebenswerte Daseinsform ist, so gesehen etwa in Andy Tennants Sweet Home Alabama oder im schwedischen Film Masjävla, der es bei uns in Deutschland noch nicht in die Kinos geschafft hat.

Auch die junge Camille reiht sich in Philippe Liorets Film Die Frau des Leuchtturmwärters in diesen landwärts ziehenden Reigen ein und begibt sich von Paris auf die bretonische Insel Ouessant, um das Haus ihrer verstorbenen Mutter zu verkaufen. Überflüssig zu verheimlichen, daß es am Ende doch ganz anders kommt. Eigentlich ist dies aber gar kein Film über Camille, sondern über ihre Mutter Mabé, und warum diese Geschichte aus den 60er Jahren rückblickend erzählt werden muß, bleibt schleierhaft.

Wenige Dinge gibt es zu dieser Zeit auf Ouessant im Überfluß. Dazu gehören grauer Himmel, Wolken, Fisch und eine abweisende Haltung allem Fremden gegenüber. Davon bekommt der zugezogene Leuchtturmwärtergehilfe Antoine eine Menge zu spüren. Antoine tritt nicht nur als Fremdkörper in den hermetischen Inselkosmos, er verweigert sich auch einer Zuordnung innerhalb der nicht nur räumlich klar voneinander getrennten Frauen- und Männerwelten. Seine Schichten auf dem Leuchtturm verbringt er in Begleitung einer Katze und eines Hundes von einem Leuchtturmwärter, der mehr knurrt als daß er spricht. In seinen freien Wochen verdient er sich in der Fischfabrik etwas hinzu. Lioret entwirft hier als Gegenbild einen wunderbar aufgeschreckten Hühnerstall, in dem das Geschnatter der Arbeiterinnen den Maschinenlärm noch zu übertönen vermag. Hier wird der durch eine im Krieg verstümmelte Hand bereits leicht Entmännlichte durch Arbeitskittel und weißes Häubchen endgültig seiner Maskulinität beraubt, was Mabé nicht davon abhält, sich von ihm angezogen zu fühlen und ihrem Mann untreu zu werden. Auf derartige als dramatische Höhepunkte inszenierte Momente reagiert der Handlungsverlauf mit einer erfrischenden Konsequenzlosigkeit. »Jetzt ist alles anders!« brüllt der Moment, und sein Nachfolger fügt etwas kleinlaut hinzu: »naja, aber irgendwie doch genau wie vorher.« Da wird sich geprügelt, betrogen und ein als »schreckliches Geheimnis« angekündigtes Kriegsanekdötchen enthüllt, dessen Offenbarung die Anwesenden weitestgehend ignorieren. Aber schön, daß wir es mal angesprochen haben.

Wo sich die Figuren abmühen, etwas von Relevanz zustande zu bekommen, da gibt sich die Natur aller menschlichen Bestrebungen hohnspottend als das wahre Schauspiel zu erkennen. Sie donnert und schäumt und tobt – kurz: Sie gebärdet sich ganz genau so, wie wir uns die See um einen Leuchtturm vor einer bretonischen Küste vorstellen. Das ist kitschig, zugegeben, aber irgendwie doch auch herrlich. Wir bekommen hier denselben romantisch verklärten, nach Authentizität heischenden Blick geboten wie das Pariser Stadtvolk, welches sich in der Rahmenhandlung in eine Fischerhütte nach der anderen einnistet, um ihren Traum vom Leben auf dem Lande in Wochenenddosierung ausleben zu können. Wir verfolgen diese Geschichte aus einer Zeit, da offensichtlich nicht nur das Leben, sondern auch das Meer noch rauher war, und bekommen unsere klischeebeladenen Erwartungen reichlich bestätigt. So strahlen akkurat in Hellblau (und wohlgemerkt immer frisch) gestrichene Fensterrahmen tapfer gegen das Grau in Grau des Himmels an, und ein bedeutungsschwangeres Akkordeon wechselt mehrmals den Besitzer. Überrascht wird man hier nicht, unterhalten aber allemal. 1970-01-01 01:00
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