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Das Fräulein

CH/D 2006. R,B: Andrea Staka. B: Barbara Albert. K: Igor Martinovic. S: Gion-Reto Killias. M: Peter von Siebenthal, Till Wyler, Daniel Jakob. P: Dschoint Ventschr. D: Mirjana Karanovic, Marija Skaricic, Ljubica Jociv u.a.
81 Min. RealFiction ab 25.1.07

Fröhlich in Zürich

Von Dietrich Brüggemann Wenn man sich die Schweiz aus deutscher Perspektive anschaut, dann fallen einem so die üblichen Geld-Uhren-Schokolade-Klischees ein. Über die Strukturen der Gesellschaft weiß man wenig, man vermutet einfach mal, daß sie so ähnlich sind wie hier, vielleicht alles etwas konservativer, was man ja auch schon an dem Wort erkennen kann, das in der französischen Schweiz angeblich für die Deutschschweizer verwendet wird: Neinsager.

Wovon man überhaupt keine Ahnung hat, sind die sogenannten Ausländer, von denen es ja auch im Ausland welche geben soll. Die Völkerwanderungen des 20. Jahrhunderts sind an der Schweiz nicht vorbeigewandert, und Das Fräulein zeigt uns einen Blick in das Leben von drei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien, deren Lebenswege sich in einer ausgesprochen trostlosen Betriebskantine in Zürich kreuzen, wo alle drei für kurze oder längere Zeit arbeiten. Die Mittvierzigerin Ruza hat alle Träume von der alten Heimat aufgegeben und führt den Betrieb mit einer Zucht und Ordnung, die der Schweiz alle Ehre macht, scheint dabei aber nicht besonders viel Spaß am Leben zu haben. Die 60jährige Mila arbeitet hart, um sich mit ihrem rentnerhaften Mann ein Haus in Kroatien leisten zu können, was sie aber eigentlich gar nicht will, weil ihr Lebensmittelpunkt längst in der Schweiz liegt. Dann kommt die lebenslustige Ana, 22 Lenze jung, aus Sarajevo nach Zürich und bringt den dringend notwendigen frischen Wind. Sie konfrontiert die beiden Frauen mit dem, was in ihrem Leben fehlt, und ihre Energie wirkt auf die anderen erst irritierend und dann ansteckend. Doch Ana hat ein dunkles Geheimnis, dem auch sie sich stellen muß – es ist, soviel sei verraten, eine Krankheit, die im Film gern für dekoratives Sterben genommen wird, die hier aber eher nebenher abgehandelt wird und vielleicht am Ende doch nicht so schlimm ist.

Autorin und Regisseurin Andrea Staka erzählt in Das Fräulein eine persönliche Geschichte, ihre Eltern stammen aus Bosnien, und sie wuchs in der Schweiz auf. Dieses persönliche Engagement ist dem Film anzumerken, im Guten wie im Schlechten, denn die Figuren sind stimmig und genau erzählt, die Schauspielerinnen sind stark und wissen, was sie tun. Stellenweise gerät die Erzählung aber auch reichlich didaktisch, wenn zum Beispiel Ruza sich zu melancholischer Volksmusik freitanzt, oder wenn die vorgestellten Probleme den Charakter einer Stoffsammlung im Schulunterricht annehmen. Im Kern jedoch ein ehrbarer Film mit persönlichem Anliegen, dessen Atmosphäre gleichwohl nicht unbedingt Lust auf einen Urlaub in der Schweiz macht – dann schon eher irgendwo in den Ländern, die einmal Jugoslawien waren. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #45.

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