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The Flying Scotsman

D/GB 2006 R: Douglas Mackinnon. B: John Brown, Declan Hughes, Simon Rose. K: Gavin Finney. S: Colin Monie. M: Martin Phipps. P: zero west, Bronco, Doorsa. D: Jonny Lee Miller, Sean Brown, Jospeh Carney, Crawford McInally-Keir u.a.
96 Min. Central ab 5.7.07

Bicycle Repairman

Von Christian Lailach Die Biopic-Problematik wurde zuletzt ausführlich von Dietrich Brüggemann in einer Kritik zu La Môme besprochen. Daher nur ein Satz: Ein Menschenleben ist an und für sich in seiner Gänze langweilig, gleichsam jedoch derart vertrackt, daß die Herausforderung der Darstellung dessen im gekonnten Weglassen eines Großteils und pointierten Ausschmücken einiger Momente besteht, woraus wiederum folgt, daß sich hierfür eigentlich nur »bedeutsame Menschen« (1) mit »Höhen und Tiefen« (2) eignen, wobei – es sei noch einmal betont – der Anspruch auf Komplexität von vornherein eingeschränkt oder gar aufgegeben werden muß.

Versuchen wir's. (1) Der Schotte Graeme Obree hat mit einem selbst zusammengeschweißten Rennrad in den 1990er Jahren den seit zehn Jahren unangetasteten Stundenweltrekord gebrochen und damit – in Anbetracht der zwieträchtigen Eintracht des Königreichs – zumindest lokalen und temporären Heldenstatus erlangt. (2) Der Rekord wurde ihm im Nachgang vom Radsportweltverband aufgrund seiner neuartigen, aerodynamischen Sitzposition wieder aberkannt. Superheld mit Dramatik pur also.

Wir sind gespannt, es kann losgehen: Mackinnon eröffnet mit einem Mann im Wald und einem Strick am Baum. Nicht neu, solch ein Vorgriff, doch für ein faktenorientiertes Lichtspiel ganz angebracht. Man weiß zumindest, auf wen man achten sollte: einen Typen mit Problemen. Blende. Klein Graeme wird arg von seinen Klassenkameraden verprügelt. Zu Weihnachten gibt's ein Fahrrad. Mit dem Fahrrad läßt es sich ganz gut vor den Klassenkameraden abhau'n. Blende. Groß Graeme ist jetzt Fahrradkurier. Nebenher hat er einen Fahrradladen. Verkaufstalent? Fehlanzeige. Nun wissen wir: Der Typ mit Problemen ist ein gebeutelter Versager. Wir sind jetzt ungefähr bei Minute zweieinhalb und inmitten der bereits angerissenen Paradoxie angelangt. Es bliebe rein rechnerisch noch eine ganze Filmlänge, diese Tatsachen aufzugreifen, zu erklären und miteinander zu verweben. Aber nein, da sind ja noch der alte Mann, der Kumpel, die Waschmaschine, der Sponsor, der Herausforderer, der Fahrradverband, der Pfarrer (der alte Mann) und die Freundin der Frau mit dem Moped.

Und dann müssen wir – wie versprochen – noch einmal in den Wald. Graeme hüpft, das Seil reißt. Aber nicht hüpf-ratsch, sondern – mit ein wenig mehr Dramatik – hüpf-ritsch-ritsch-ratsch. Puh! Glück für Graeme, er wagt den Gang zum Psychiater statt ins Dickicht; Pech für den Kinobesucher, dem wird noch eine Menge erzählt. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #47.

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