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Flightplan – Ohne jede Spur

Flightplan. USA 2005. R: Robert Schwentke. B: Peter Dowling, Billy Ray. K: Florian Ballhaus. S: Thom Noble. M: James Horner. P: Touchstone, Imagine. D: Jodie Foster, Peter Sarsgaard, Sean Bean, Kate Beahan u.a.
98 Min. Buena Vista ab 20.10.05

Panic Plane

Von Dietrich Brüggemann Daß die Welt zusammenwächst, kann beobachten, wer sie bereist. Alles sieht überall gleich aus. Sämtliche Flughafen-, Airline- und Flugzeugdesigner scheinen sich auf einen Stil geeinigt zu haben, und der wird durchgezogen, egal wo. Ähnlich verhält es sich mit Hollywood. Gelegentlich macht jemand etwas Neues, das international funktioniert. Daraufhin einigt man sich, daß es immer so gemacht werden muß. Am Ende hat man dann einen internationalen Weltkino-Stil, der sich auf jedem Kontinent nahtlos zwischen Handy, Sushi und Starbucks einfügt und nirgends aneckt. Die Leistung von Flightplan besteht vor allem darin, diese zwei kongruenten Entwicklungen miteinander zu vereinen.

Fangen wir beim Anfang an, dann müßten wir zu David Finchers Fight Club zurückgehen. Ein revolutionärer Film, der einige Terrains im Unterhaltungskino neu absteckte. Finchers nächste Arbeit, Panic Room, nutzte ähnliche Stilmittel, die da aber schon das waren, wozu Fincher ihnen verholfen hatte – etabliert. Was bei Fight Club ein Bestandteil von mehreren war, wurde hier Selbstzweck: waghalsige Kamerafahrten, die jedoch schon wieder so waghalsig waren, daß sie nur aus dem Computer stammen konnten, wodurch sie dann doch in die Mir-Egal-Ecke wanderten.

Und jetzt also Flightplan, der sich zu Panic Room ungefähr so verhält, wie wenn man dieselbe Strecke ein zweites Mal fliegen würde, sogar mit derselben Stewardess, nur halt in einem anderen Flugzeugtyp und bei etwas besserem Wetter. Dabei ist der Film möglicherweise noch nicht einmal eine kalkulierte Imitation. Die Parallele fällt nur so deutlich ins Auge, weil in beiden Fällen Jodie Foster die Businessfrau gibt, die in einem umschlossenen Raum zum instinktsicheren Kampfmuttertier mutiert, während die Kamera schwerelos durch den Mikrokosmos gleitet. Diesmal handelt es sich eben um ein Flugzeug, im Laderaum befindet sich der Sarg des verunfallten Ehegatten, im Passagierraum die frisch traumatisierte Mutter und ihre Tochter, die bald spurlos verschwindet – sogar von der Passagierliste, was die Glaubwürdigkeit der Mutter bei den Verhandlungen mit der Crew doch etwas beschädigt.

Es folgt ein klassischer Hitchcock-Plot – ein reizvolles Rätsel, für das es keine plausible Lösung geben kann. Was sich abspielt, ist dann auch das dramaturgische Äquivalent einer Filmkulisse: Es sieht nur von einer Seite echt aus. Die Handlung ist wie ein illusionistisches Gebäude, das nur aus einer ganz bestimmten Perspektive, nämlich der der Hauptfigur, überzeugend aussieht. Sobald man es von hinten betrachtet, aus dem Blickwinkel der Bösewichte, sieht man nur noch eine Konstruktion, bei der es außerdem durchs dramaturgische Dach regnet – ein einziger Zufall, und der ganze schlaue Plan wäre geräuschlos in sich zusammengefallen. Wollte ich 50 Millionen Dollar erpressen, ich würde solche Risiken nicht eingehen.

Der visuelle Stil, in dem das ganze stattfindet, ist wie David Fincher ohne David Fincher oder Michael Ballhaus ohne Michael Ballhaus, dafür aber mit Florian Ballhaus, dem Sohn des Meisters, der inzwischen selber oben angekommen ist und seine Sache einwandfrei macht. Die Kamera schwebt und gleitet und kreist durch das imaginäre Luxusflugzeug, alles sieht zum Sterben elegant aus, wir sehen das filmische Äquivalent eines Duty-Free-Shops – könnte auf jedem Kontinent stehen, Ware hochwertig, Verpackung makellos, Sortiment überrascht nur in Maßen. Denn was in Panic Room immerhin noch neu war und eine gewisse durchkonzipierte Zwangsläufigkeit hatte, das ist hier einfach der International Style des Filmemachens, ansehnlich wie ein Bauwerk von Norman Foster, benutzerfreundlich wie ein Rollkoffer mit ausziehbarem Handgriff. Das Flugzeug, in dem der Film spielt, existiert nicht, die Airline sowieso nicht, alles ist so erfunden und gesichtslos wie der internationale Flugverkehr sowieso, also fallen, um mal beim Duty-Free-Shop-Vergleich zu bleiben, auch die paar regionalen Spezialitäten weg, die es da eigentlich immer gibt, und wir haben nur noch die bekannte Kombination von Zigaretten, Whisky und Toblerone.

Daß mit Robert Schwentke ein deutscher Regisseur am Werk war, fällt weder positiv noch negativ ins Gewicht. Er hat das ihm anvertraute Flugzeug sicher gelandet, das Ziel ist erreicht, der Film war erfolgreich in den USA, niemand mußte sich übergeben, alle sind glücklich. Wenn Panic Room eine Rolltreppe war, dann ist Flightplan eins dieser Flughafenlaufbänder – die Konstruktion ist dieselbe, man muß sich genausowenig anstrengen, es geht voran, aber nicht aufwärts. 1970-01-01 01:00
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