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Final Fantasy – Die Mächte in Dir

Final Fantasy – The Spirits Within. J/USA 2001. R: Hironobu Sakaguchi. B: Al Reinert, Jeff Vintar. M: Elliot Goldenthal. P: Square Pictures. Sprecher: Ming Na, Alec Baldwin, Donald Sutherland, James Woods, Ving Rhames, Peri Gilpin, Steve Buscemi u.a.
90 Min. Columbia ab 23.8.01

Zwischen Traum und Realität

Von Matthias Grimm Seit 14 Jahren ist »Final Fantasy« eine der erfolgreichsten Videogame-Serien und nun der erste Spielfilm, der nicht nur komplett am Computer animiert wurde, sondern auch menschliche Darsteller simuliert. Doch was ist sie eigentlich, diese finale Fantasie, dieses Letzte, irgendwie Endgültige, das dort noch übrig bleibt, wo selbst die Fantasie Grenzen kennt? Kaum ein Titel hätte sich besser angeboten für diesen Film, als habe Regisseur Sakaguchi schon vor jenen 14 Jahren geahnt, daß er mit diesem Film an der letzten Grenze ankommen würde, die nicht mehr zu überschreiten ist.

Daß reale Schauspieler in absehbarer Zeit von digitalen ersetzt würden, ist seit Jahren der Dämon des Unterhaltungskinos, somit ist Final Fantasy eher als notwendiger Schritt zu bezeichnen, nicht als revolutionärer, und doch sind es gerade diese notwendigen Schritte, die in die Geschichte eingehen, und um so faszinierender, da dieser Schritt nicht von Hollywoods millionenschwerer Filmindustrie vollzogen wird, sondern von den in Animations- und Computerkunst erfahrenen Japanern, jedoch noch wichtiger: Kein Steven Spielberg, kein Cameron oder Lucas zeichnete für Final Fantasy verantwortlich, sondern die Köpfe, die sowieso den ganzen Tag mit dem Ersinnen virtueller Realitäten beschäftigt sind: die Gamedesigner persönlich. Square nennen sie sich, und ein Rechteck ist auch das Logo, die Form, die schon der Bildenden Kunst beibringen wollte, daß die reine Form als letzte Abstraktionsgrenze, als »Final Fantasy«, übrig bleibt und nun deutlich macht, daß auch im Film die Form längst den Inhalt dominiert.

»Final Fantasy«, dieser Titel verweist aber auch auf eines: auf Fantasie, also etwas, das nicht real existiert, das aber womöglich einen Verweis auf die physische Realität besitzt, ja besitzen muß, sonst wäre es Avantgarde, der einzige Schritt, der diese Grenze überschreiten könnte, die noch bleibt. »Physische Realität«, das ist die dialektische Entsprechung der finalen Fantasie, die als finales Phantasma die Dichotomie perfektioniert: Konstruktion und Dekonstruktion. Irgendwo dazwischen berühren sich die beiden und stellen fest, daß die eine nur durch die andere errettet werden kann. Denn durch diesen Verweis funktioniert die finale Fantasie, weil es »wie echt« aussieht – deswegen ist es revolutionär – und daß es das nicht in Vollendung tut, bedeutet nur, daß der Spezialeffekt als Attraktionsmoment nur dann Sinn macht, wenn er auch als solcher zu erkennen ist.

Final Fantasy macht eines überdeutlich: daß die physische Realität in der Konstruktion durchaus gerettet werden kann, als eine Art digitale Idee eines kybernetischen Ideenhimmels. Tatsächlich ähneln die schlangenartigen Kreaturen im Film der Medusa, die auch Kracauer als Metapher verwendet, und besiegt – nein, gerettet – werden sie am Ende durch den Traum, die finale Fantasie also, die Grenze, die dann überschritten wird, wenn die Augen gschlossen sind, aber dennoch sehen. »Deep Eyes«, so ist auch der Name der Eingreiftruppe in Final Fantasy, und ebenso tief ins Auge wie die Kamerafahrt zu Beginn des Films schnitten einst Buñuel und Dalí mit Un chien andalou, der genau wie »Fantasy« Wahrnehmung veränderte, aber Avantgarde war, also den letzten Schritt weiter.

Final Fantasy, das ist ursprünglich ein Verweis auf Genretheorien, schließlich macht der Titel klar, worum es geht, um Phantastik eben, aber gleichzeitig scheint sie am Ende, diese Fantasy. Natürlich, weil sie Realität wird oder umgekehrt: weil Realität nicht mehr vom Traum unterschieden werden kann. Zunächst meint Final Fantasy aber das Ende der klassischen Fantasy mit dem Beginn der Science-Fiction, in welcher Mythen und Magie durch Naturwissenschaft ersetzt werden; eine Aufklärung unter Verlust der Dialektik sozusagen. Der Film spielt demzufolge in der Zukunft, mitten im üblichen Krieg zwischen Menschen und Außerirdischen, und kopiert eine Vielzahl an Vorbildern von Aliens bis Starship Troopers, funktioniert somit als triviales Unterhaltungskino, das seinen Reiz sowieso durch eine vulgäre Affinität zum Effekt als Selbstzweck bezieht.

Hier wird klar, daß es nicht die Realität ist, die Final Fantasy rettet, sondern den Mythos, den der Film mit einer penetrant esoterischen Botschaft zelebriert und dessen Grund in den fernöstlichen Wurzeln des Films verborgen liegt. Und genau die Esoterik ist es, die sich an dieser einen Grenze verbirgt, wo Realität und Fantasie, Physik und Schwachsinn aufeinandertreffen. Die »Final Fantasy« eben. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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