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Fickende Fische

D 2002. R,B: Almut Getto. K: Andreas Höfer. S: Ingo Ehrlich. M: Tom Deininger, Sten Servaes. P: Icon Film. D: Sophie Rogall, Tino Mewes, Annette Uhlen, Jürgen Tonkel, Hans-Martin Stier, Angelika Milster, Ellen ten Damme u.a.
103 Min. ottfilm ab 15.8.02
Von Norbert Parzinger Und wenn es einfach das Weniger wäre, das fehlt? Weniger Logik, Glätte, leichte Verdaulichkeit? Ist das Sichtbarmachen der Realität nicht das eigentliche Ideal, das hinter all den Inszenierungsmoden steht, der einstudierten Perfektion wie der gewollten Rauhheit? Und verfehlen sie es nicht allesamt, die makellosen Handwerker wie die Dogmatiker mit den groben Fäusten? Der Overkill bleibt sich gleich, egal mit welchem Vorzeichen.

Würden sich die Filmemacher einfach ein bißchen weniger aufblasen, bevor sie ihre Geschichten erzählen, könnten sie noch den Kleinkram sehen, der überall im Leben herumliegt, Realitätsbrösel, Atmosphäreschleier, Unstimmigkeitsflecken, Papierfetzen mit Ideen drauf; dann könnten sie ein bißchen sortieren und die einzelnen Stückchen so zusammensetzen, daß ein eigenes Ganzes herauskommt. Wie Almut Getto das macht.

Zunächst also: die besten Stücke zusammentragen. Zum Beispiel den Drehort: Dortmund, nicht als Klischee, sondern als Stadt, in der Menschen leben. Keine Industrie-, Fußball- und Dosenbierromantik. Stattdessen baugesparte Einfamilienhäuser, mit- und ausgewachsene Kinderzimmer, Mittelklassewagen, Fahrradwege, »Wertstoff«-Container; saubergeputzt, langweilig, ganz so, wie fast jeder wohnt und kaum einer es wahrnimmt.

Zum Beispiel die Besetzung: neben alten Könnern zwei echte Entdeckungen, so gut, daß man meinen könnte, sie spielen überhaupt nicht. Tino Mewes' Jan ist schüchtern zärtlich, verzweifelt brutal, zwiespältig und dadurch erst ganz; fast mehr noch Nina, die so selbstbewußt ist und zugleich so verletzlich. Sophie Rogall kann gar nichts dagegen tun, die Kamera liebt sie, selbst wenn man manchmal merkt, daß noch jedes »pah«, jedes »ey« im Drehbuch stand. Das wirkt nicht perfekt, sondern echt, und geht einem gerade deshalb umso näher. Ohne jede Anstrengung, ohne daß auch nur die Absicht spürbar wäre, werden hier die gewohnten Barrieren zwischen Schauspieler und Zuschauer eingerissen.

Der nächste Schritt: die einzelnen Stückchen per Handlungsfaden vernähen. Einmal also die erste große Liebe. Nina und Jan, beide 16, stoßen auf der Straße zusammen, lernen sich kennen, immer näher, immer tiefer, bis es keinen anderen, keine andere mehr gibt. Zweitens, danebengenäht, das Unüberwindbare Hindernis: Jan hat Aids. Das ist nun ein ziemlich schweres Kaliber und zieht die Geschichte nur deshalb nicht betroffenheitstriefend zu Boden, weil es noch einen dritten, unzerreißbaren Sicherheitsfaden gibt, der aus reichlich schwarzem, dennoch liebevollem Humor gewirkt ist und die beiden Handlungsstränge präzise verknüpft.

Denn Almut Getto erzählt diese Tragödie fast wie einen jener eisigen, perfektionistischen alten Thriller, wo jede noch so nebensächliche Kleinigkeit ihre Bedeutung hat, jedes einzelne Indiz sich am Schluß genau in das Bild fügt, das niemand erwartet hat. Die Hinweise werden sparsam verteilt, die Spannung hält durch bis zuletzt; die Auflösung bringt erst der Zirkelschluß der Bilder, der Rekurs auf die Eingangsmetapher aus dem kunstvoll eingewobenen Unterwassermotiv, in dem sich einfallsreiche, exquisite Fotographie und geduldige, respektvolle Beobachtung ergänzen.

Hundertprozentig instinktsicher ist die Story nicht. Kleine Peinlichkeiten rutschen schon mal mit durch; die Figur des kumpelhaften Großvaters oder Angelika Milsters Altlesbe sind ein bißchen flach geraten, das Ende wirkt fast wie vorzeitig abgehackt. Weniger glatt eben, das alles, weniger leicht verdaulich; keine billigen Lacher, keine einfachen Sicherheiten. Stattdessen das Anliegen, ein Stück Leben zu zeigen, voller Tragik und Komik gleichermaßen. Und trotz allem wunderschön. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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