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Die fetten Jahre sind vorbei

D/A 2004. R,B: Hans Weingartner. B: Katharina Held. K: Daniela Knapp, Matthias Schellenberg. S: Dirk Oetelshoven, Andreas Wodraschke. M: Andreas Wodraschke. P: Y3 Film, Coop 99 u.a. D: Daniel Brühl, Julia Jentsch, Stipe Erceg, Burghart Klaußner u.a.
127 Min. Delphi ab 25.11.04

Hoppelhäschen bei der Weltrevolution

Von Carsten Tritt Heuer war ein herrliches Jahr für den deutschen Film. Mit Der Wixxer und (T)Raumschiff Surprise gab es gelungenes Komödienkino, wobei der erste Film inhaltlich, der zweite zumindest technisch zu überzeugen wußte. Die Kinokassen durften sich dann noch über einen History-Trash-Film mit Bruno Ganz und einen weiteren netten Comedy-Film mit Otto Waalkes freuen. Das Independent-Kino war innovativ wie lang nicht mehr, mit dem Kriegsfilm-Musical Operation Dance Sensation der Gebrüder Gosejohann, Wenzel Storchs Anleitung zur Reise ins Glück oder der wahren Günter Netzer-Biografie Aus der Tiefe des Raumes. Sogar zum ansonsten prinzipiell doofen Genre deutscher Teenie-Komödien gab es mit Die Nacht der lebenden Loser einen witzig-intelligenten Beitrag, der eigentlich viel zu schade für das pubertierende Zielpublikum ist. Endlich darf man sich wieder an der Kinokasse für deutsche Filmkunst anstellen, ohne a priori davon ausgehen zu müssen, in den nächsten anderthalb Stunden einem mäßig talentierten Autorenfilmer beim geistigen Onanieren zuschauen zu müssen.

»Der deutsche Film kann besser gar nicht sein« (Joe Hembus, 1961)

Soviel Lebensfreude war dann wohl aber auch für einige zuviel. Im Frühjahr wurde etwa gefeiert, daß zum ersten mal seit elf Jahren wieder ein deutscher Beitrag in den Wettbewerb eines bedeutenden südfranzösischen Filmfestivals aufgenommen wurde. Der letzte deutsche Wettbewerbsbeitrag war In weiter Ferne so nah von W. Wenders, und sein Nachfolger in diesem Jahr war eine ähnlich entsetzliche Gurke, die manchem wieder ins Gedächtnis rufen dürfte, daß es eben nicht Didi Hallervorden und die Supernasen, sondern die apathischen Zuckungen einer selbst längst zum Opa-Kino gewordenen einst innovativen filmischen Entwicklung waren, die das Publikum zu einer instinktiven Meidung jeglichen deutschen Kinos dressiert haben.

»Die Unfähigkeit stinklangweiliger Menschen, mit ihrem nichtsnutzigen Leben zurechtzukommen« (Ulrich von Berg über den »Jungen Deutschen Film« in: steadycam Nr. 23 [Winter '92], S. 12f.)

Jener diesjährige Wettbewerbsfilm, der Gegenstand dieser Filmbesprechung ist, muß auf die internationalen Zuschauer wohl den Eindruck gemacht haben, der deutsche Film habe sich in den letzten zehn bzw. eigentlich in den letzten fast vierzig Jahren überhaupt nicht weiterentwickelt, sei dort stehen geblieben, wo er einst auch zu manifestieren versucht worden ist. Hier wird, jegliche Entwicklungsmöglichkeit negierend, genau jene Langeweile durchexerziert, die den Neuen Deutschen Film so berüchtigt gemacht hat.

»Deutsch liegt mir nicht« (aus: Die Feuerzangenbowle, Regie: Helmut Weiss, 1944)

In Die fetten Jahre sind vorbei beobachten wir drei Protagonisten, die wegen des vorläufigen Sieges des Kapitalismus in einer ungerechten Welt leben, in der Leute Geld dafür verlangen, daß man in ihren Häusern wohnen darf, und man, wenn man seine Kfz-Haftpflicht nicht bezahlt und dann anderer Leute Mercedes kaputtfährt, Schadensersatz zahlen muß. Durch solche Unbill aufgestachelt, attackieren unsere Helden tagsüber die niederen Schergen des Systems wie Fahrkartenkontrolleure und Turnschuhverkäufer und brechen nachts in Villen ein, werfen dort Sofas in den Swimmingpool und Porzellanfiguren ins Klo und hinterlassen Botschaften wie »Sie haben zuviel Geld«, um den Ausbeutern das Gefühl der Sicherheit hinter ihrem Kapital zu nehmen und Angst zu verbreiten. Diese Weltsicht scheint der Autorenfilmer dabei sogar ernstzunehmen. Anders ist es kaum zu erklären, daß die drei Aufständischen ihre Systemkritik während der gesamten Filmlaufzeit ständig in durchaus gekonnter Rhetorik erläutern, während im einzigen Diskurs mit einem Villenbesitzer (der die drei beim Einbruch erwischt hat und deswegen aus Selbstschutzgründen erst einmal gekidnappt wird) der ansonsten nicht auf den Mund gefallene Kapitalist nicht viel mehr als unbeholfenes Stammeln zur Verteidigung des Systems hervorbringen darf. Bloß keine kritischen Fragen zulassen.

»Der Geruch ist ja nicht so schlimm, aber es brennt so in den Augen« (aus: DoppelPack, Regie: Matthias Lehmann, 2000)

Diese naive politische Einstellung des Films ist dabei nichtmal das Schlimme. Denn auch von inszenatorischen Einfällen fehlt jede Spur. Zwar freut sich der für die Fetten Jahre verantwortliche Filmemacher in Interviews darüber, daß der Dreh mit digitaler Videohandkamera angeblich so viele Freiheiten gegeben habe. Vergessen hat er dabei allerdings, daß die Nutzung dieser Freiheiten so etwas wie eigenständiges Denken vorausgesetzt hätte. Stattdessen ist in der gesamten Inszenierung nicht eine einzige eigene Idee zu erkennen. Die Kameraeinstellungen sind schon tausendmal gesehen, der Schnitt ist nullachtfuffzehn, alles wird streng nach Vorschrift so gemacht, wie man es dem Filmemacher in der Filmhochschule beigebracht hat, unfähig, eigenständig zu kreieren. Fast sämtliche Aufnahmen hätte man statt mit Handkamera auch genausogut mit Stativ machen können, aber dann wäre das Bild natürlich nicht so schön verwackelt, und verwackelte Bilder scheinen in diesem Film der Gipfel der Kreativität zu sein. Das mag mal Ende der 80er zumindest vertretbar gewesen sein, aber inzwischen produzieren diverse Skandinavier sowas am Fließband. Wenn es mal spannend oder besonders dramatisch sein soll, ist das folglich nur dadurch zu erkennen, daß plötzlich der beabsichtigten Stimmung entsprechende Musik hinterlegt wird. Das hat ungefähr dasselbe Niveau, wie die künstlichen Lacher bei Sitcoms, ist aber wesentlich nervtötender.

»Labo ergo sum« (Harald Juhnke, 1987)

Auch die Darstellung politischer Intention endet schließlich in derselben Beliebigkeit und hätte für das endgültige Scheitern des Films gesorgt, wenn es darauf noch angekommen wäre: Der gekidnappte Bonze nimmt seine Entführung nach kurzer Zeit gar nicht mehr so tragisch und erfreut sich an der frischen Bergluft oder spielt mit den Amateur-Revolutionären Mau Mau. Diese stellen fest, daß Menschenraub doch recht unhöflich ist und sie sich zukünftig wieder auf Einbruch beschränken wollen, wobei dieser einzige moralische Alibi-Konflikt mal schnell in zwei Sätzen erledigt wird. Abschließend noch ein geklauter Antik-Schlußgag fürs Happy End. Man will ja keinem weh tun.
Willkommen in der revolutionären Blümchen-Kuschel-Welt. 1970-01-01 01:00
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