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Felicia's Journey

CAN/GB 1999. R,B: Atom Egoyan. K: Paul Sarossy. S: Susan Shipton. M: Mychael Danna. P: Bruce Davey. D: Elaine Cassidy, Bob Hoskins, Arsinée Khanjian, Peter McDonald u.a.
116 Min. Arthaus ab 3.2.00

Komplexbeladen

Von Sophia Dauber Nahezu bildfüllend ist ihre Unschuld, die doch schon eine verlorene ist und den Ausgangspunkt der titelgebenden Reise bezeichnet. Verlegt die Namensgebung der Hauptfigur diese zwar semantisch in die Nähe von »felicity«, also von Glück, so enthüllen die Filmbilder bald, daß das Gegenteil der Fall ist. Felicia (hervorragend: Elaine Cassidy) nämlich ist eine schwangere Jugendliche, die sich von Irland nach England aufgemacht hat, um den Vater ihres Kindes von diesem Umstand in Kenntnis zu setzen.

Nicht nur räumlich schickt der Film sie dabei in die Tristesse. Ruhig, fast teilnahmslos folgt die Kamera ihr auf ihren Wegen durch die englische Industrielandschaft und die Fabriken, in denen sie nach ihm fahndet. Manchmal wie einen winzigen Fluchtpunkt inmitten des kargen Settings und dann wieder in Großaufnahme, fragend, hoffend. Das blasse Noch-Kindergesicht unter dem nachlässig geordneten dunklen Haar, ihr Mantel in der Farbe tiefromantischer Sehnsucht, das sind die Bilder, die sich dem Zuschauer nachhaltig einprägen und das tiefere Ziel ihrer Reise verdeutlichen: die Anerkennung ihrer Frauwerdung.

Eine in die Handlung eingeflochtene Rückschau erzählt die Geschichte ihrer Ablehnung. Das streng religiös geprägte Elternhaus, dem sie Schande bereitet hat, die Mutter ihres Freundes, die ihr Hilfe versagt. Hier wird das Erklärungsmuster geliefert, warum Felicia für die Begegnung offen ist mit jemandem, dessen eigene Ablehnung an der Oberfläche viel weniger offensichtlich ist, dafür aber umso tiefer wurzelt. Ein alternder Kantinenchef namens John Ambrose Hilditch mit – wie sich bald herausstellen soll – einem veritablen Mutterkomplex, das ist Felicias Gegenüber und Schicksal in Personalunion. Bildfüllend auch er – das ermunternde Lächeln eines gutmütigen, hilfsbereiten Mannes aus dem Autofenster.

Wie in früheren Filmen Egoyans existiert aber eine weitere Geschichte hinter der vordergründig sichtbaren, eine, die nur durch den Einsatz medialer Technik innerhalb der Filmhandlung kommuniziert werden kann. Und so wird der Zuschauer bald gewahr, daß Hilditch der verschüchterten Felicia nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit zu helfen gewillt ist. Wie schon in Family Viewing von 1987 wird Videomaterial innerhalb der Erzählung produziert und reproduziert, um die wahren Abgründe der menschlichen Seele aufzudecken.

Hält man die Videoaufzeichnungen einer alten, von einer Frau moderierten TV-Kochsendung, die Hilditch am heimischen Herd anschaut, zunächst noch für eine nostalgische Marotte von ihm, so entdeckt man im Verlauf des Filmes (und gerade durch die technische wie narrative Verschränkung von Film- und Videobild) die eigentliche Obsession, die ihn immer und immer wieder zwingt, sich mit diesen Bildern zu konfrontieren. Nur so nämlich kann die Wunde des vernachlässigten Kindes ständig erneuert werden. Die Wunde eines Jungen, der im wahrsten Sinne des Wortes von seiner – nur in der TV-Aufzeichnung – perfekten Mutter abgespeist wurde, und dieses Ritual bis in die Gegenwart aufrecht erhalten hat. Ein Junge, der äußerlich zum Mann wurde, im Innersten aber noch immer darunter leidet, daß er als Kind tatsächlich aus der Bildfläche der dominierenden Mutter geschoben wurde. Er, dem der spiegelnde Blick der Mutter zu oft versagt blieb, installiert als Erwachsener versteckte Videokameras in seinem Wagen, um die (An-)Blicke seiner Opfer festzuhalten und sich an ihnen zu berauschen.

Und das nun ist das eigentlich Ärgerliche an Felicia's Journey. Wußte Egoyan in seinen frühen Filmen noch zu verstören und Ratlosigkeit beim Zuschauer zu säen, so bedient er sich hier einer Bildsprache, die mitunter unangebracht und überdeutlich wirkt. Wenn Hilditch, der im wahrsten Sinne des Wortes an seiner Mutter erstickt, indem er nach Verzehr einer nach ihrem Rezept zubereiteten Speise sich röchelnd auf dem Teppich windet, sieht das nun wirklich aus wie ein Schnellkurs freudianischer Lehren. Überhaupt wirkt Hoskins' Spiel nicht nur in dieser Sequenz wenig glaubhaft, schimmert hinter seiner Rolle doch auch immer der Komiker durch. Und auch Egoyans Ehefrau Arsinée Khanjian wirkt in ihrer Rolle als vermeintliche Übermutter zeitweise deplaziert. Was bleibt, ist die wirklich brillante Leistung von Elaine Cassidy, die ihre Figur mit Glaubhaftigkeit auszustatten weiß. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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